
Tanz auf dem Vulkan

Dave Scott

Paula Newby-Fraser

Mark Allens Schuhe

Mayor John Collins
IRONMAN HAWAII: Geburtstagstanz auf dem Vulkan
Jens Richter für tri2b.com am 04.10.2003 - 16:06 Uhr
Der Ironman Triathlon auf Hawaii feiert sein 25-jähriges Jubiläum. Seit 1978 schreibt das Ausdauer-Event im vulkanischen Hawaii-Archipel Jahr für Jahr dramatische Sport-Geschichte.
Der Junge taumelt, sein Gesicht ist bleich und die Augen wie in Trance halb geschlossen, als sein Verfolger entschlossen zum allerletzten Mal vorbeizieht. Zum Ziel sind es jetzt nur noch ein paar Kilometer. Die letzten acht von zweiundvierzig Marathonkilometern durch die Hitze der Hawaii-Insel Oahu. Die letzten Züge eines wahnwitzigen Ausdauer-Härtetests über 226 Kilometer, den 15 Männer am Morgen mit einem 3,9 Kilometer langen Ozeanschwimmen am Waikiki Beach begannen und bei dem die beiden Führenden im 180 Kilometer langen Radrennen auf den stark befahrenen Straßen rund um die Hawaii-Insel Oahu mehrfach Kopf und Kragen riskierten.
Marathon-Drama in fünf Akten
Mit zwölf Minuten Vorsprung war der 23-jährige Navy-Reservist, Student und Ausdauer-Freak John Dunbar in den 42 Kilometer langen Lauf gestartet, der vier Jahre ältere Ex-Marine-Fünfkämpfer Gordon Haller, mit einer Marathon-Bestzeit von 2:27 Stunden auf dem Papier der bessere Läufer, schließt bald auf und setzt sich an die Spitze. Doch Dunbar gibt nicht auf, kontert und nach vier Versuchen werfen Haller heftige Beinkrämpfe und ein dringendes, menschliches Bedürfnis hoffnungslos zurück.
Aber auch Dunbar bekommt unerwartet Probleme: „Etwa fünfzehn Kilometer vor dem Ziel hatte mein Betreuer kein Wasser mehr, er bot mir schließlich zwei Dosen kühles Bier an. Die Leute erzählen, ich sei danach in parkende Autos gelaufen, aber das ist wohl übertrieben.“ Dehydriert von der Hitze und benommen vom Alkohol nimmt Dunbar nicht mehr wahr, wie Haller zum fünften Mal herankommt und schließlich vorbeirennt. Nach 11:46:58 Stunden gewinnt der 27-Jährige den ersten Iron Man auf Hawaii, und seine Trophäe ist eine handgeschmiedete Figur aus Eisen mit einem Loch durch den Kopf. – Dunbar wird 35 Minuten später Zweiter.
Für die meisten nur Survival-Training
Im Laufe der Nacht dieses 18. Februar 1978 treffen noch zehn weitere Finisher am Ziel in Hilton Head, südlich des Stadtzentrums von Honululu ein, für die meisten bleibt es ein einmaliges Abenteuer. Marine-Kommandant John Collins, der Erfinder und Organisator des Rennens, erreicht das Ziel nach 17:20 Stunden als Neunter. Welche weltweite Dimension die neue Ausdauer-Kombinationsprüfung wenige Jahre später bekommen würde, kann er in dieser Nacht sicher nicht erahnen.
1979 gewinnt der trainingsverrückte Kalifornier Tom Warren, Dunbar wird erneut Zweiter. Wie im Vorjahr sind 15 Teilnehmer gestartet, aber diesmal gehen die Bilder des Rennens um die Welt. Die US-amerikanische Zeitschrift Sports Illustrated berichtet in einem zehnseitigen Artikel vom Iron Man, der erstmals auch eine Iron Woman kürt: Die Radspezialistin Lyn Lemaire kommt in ihrer Spezialdisziplin bis auf Sichtweite an den führenden Mann heran und wird schließlich Fünfte der Gesamtwertung. Für die dritte Auflage 1980 melden sich über 100 Sportler, Dave Scott aus Davis in Kalifornien pulverisiert nach 9:24 Stunden Warrens Streckenrekord aus dem Vorjahr (11:15), die Fernsehbilder des Rennens sorgen für einen weltweiten Boom des neuen Extremsports.
Umzug macht das Rennen noch härter
Auf Oahu ist bald kein Platz mehr für den Iron Man, doch mit dem Umzug an die schroffe, glutheiße Lavaküste im Westen der größten Hawaii-Insel Big Island wird das Rennen 1982 noch härter. Dennoch finden sich im Februar fast 600 Teilnehmer in Kailua-Kona ein und die Siegerzeit des Kaliforniers Scott Tinley (9:14 Stunden) hebt das Rennen in neue Sphären. Jedes Jahr fallen jetzt die Streckenrekorde, weitere fünf Mal heißt der Sieger Dave Scott. Für einen Sieg im Ironman – jetzt in einem Wort geschrieben – reicht nicht mehr allein die athletische Überlegenheit. Das Rennen ist taktisch geworden, verzeiht keinen Fehler. Doch wenn Scott antritt, machen seine Konkurrenten entscheidende Fehler.
Mark Allen, wie Scott Kalifornier mit Schwimmer-Background und ein hervorragender Läufer, versucht es jedes Jahr aufs Neue: Aufholjagden, Solofluchten, katastrophale Einbrüche... 1989 hat er seine Lektion endlich gelernt und zwingt Scott in ein achtstündiges Kopf-an-Kopf-Rennen von bisher unvorstellbarer Intensität. „Ironwar“ titulieren die Chronisten später – erst zwei Meilen vor dem Ziel kann sich Allen an einer leichten Steigung lösen und gewinnt mit dem sensationellen Streckenrekord von 8:09 Stunden, eine knappe Minute vor Scott, der schwer gezeichnet seinen vorläufigen Rücktritt erklärt.
Amerikaner beim Ironman unschlagbar?
Siebzehn Jahre lang kann kein Nicht-Amerikaner den Ironman gewinnen, der sensationelle vierte Platz des Deutschen Hannes Blaschke 1985 bleibt bei den Männern einer der wenigen Einbrüche in die US-amerikanische Phalanx - während die Kanadierin Sylviane Puntous 1984 den Frauenrekord auf 10:25 Stunden drückt. Dann, 1986 beginnt die vielleicht für immer unerreichbare Siegesserie der Paula Newby-Fraser, einer sportverrückten jungen Frau aus Zimbabwe, die ihre erste Bestmarke von 9:49 mit nahezu jedem ihrer acht Erfolge weiter drückt und bei ihrem Zieleinlauf 1992 bis heute unangefochtene 8:55:28 Stunden stoppen lässt. Seit 1993 hat Newby-Fraser jedoch die amerikanische Staatsangehörigkeit und holte den Titel damit selbst in die USA zurück.
Anfang der neunziger Jahre erwerben sich mit dem Finnen Pauli Kiuru, den Deutschen Dirk Aschmoneit, Jürgen Zäck und Wolfgang Dittrich und dem Belgier Luc van Lierde allerdings die Europäer den Ruf, das Ironman-Training in Perfektion zu betreiben. Vor allem Dittrich, dem Seriensieger des Schwimmauftakts in der Bucht von Kona, gelingt mit den Plätzen fünf , vier und drei in den Jahren 1991 bis 93 eine vielversprechende Serie, doch der Neusser verletzt sich in der Vorbereitung 1994 so schwer am Knie, dass ihm nur der schrittweise Rückzug bleibt.
Die Deutschen erschüttern Big Island
1997 ist es endlich so weit. Im dritten Anlauf rettet der Bruchsaler Thomas Hellriegel seinen mit brutaler Radgewalt herausgefahrenen Vorsprung mit einem soliden Marathonlauf bis ins Ziel, zweimal war er in den beiden Jahren zuvor erst auf den letzten Kilometern von Allen und van Lierde gestellt worden. Jürgen Zäck als Zweiter und Lothar Leder als Dritter erschüttern die Grundfesten der Sportart – noch nie hatten die Amerikaner in ihrem eigenen Rennen das Podium komplett verfehlt.
Bis heute ist Hellriegels Sieg allerdings der einzige deutsche Erfolg. Im tragischen Herbst 2001, wenige Wochen nach dem Terrorangriff auf das World Trade Center in New York, holte der Amerikaner Tim DeBoom die Männertrophäe zurück in die USA und steht in diesem Jahr vor dem Hattrick. DeBoom ist der moderne Typus des Hawaii-Siegers, ein ausgewogener Athlet ohne echte Schwächen, ein überragender Läufer und ausgebuffter Taktiker, der seinen Rückstand zum Beginn des Marathon einkalkuliert.
Zahlreiche Trümpfe in deutscher Hand
Die Chancen für einen zweiten, vielleicht sogar einen dritten deutschen Erfolg stehen beim Jubiläums-Ironman am 18. Oktober dennoch besser denn je: Mit einem runden Dutzend von Podestplatzierungen in den wichtigsten Qualifikationsrennen und mit sechs großen Saisonsiegen im Rücken – das historische Rennen zwischen Lothar Leder und dem Australier Chris McCormack bei der Quelle Challenge in Roth einmal eingeschlossen – reist die Hawaii-erfahrene deutsche Ironman-Delegation zur 25-Jahrfeier nach Kona.
Nach einem dritten und einem zweiten Platz in den beiden vergangenen Jahren hält die 34-jährige Braunschweigerin Nina Kraft diesmal ohnehin die Trumpfkarten in der Hand: Sie kennt die unbarmherzige Lavawüste und sie kennt die Schwächen ihrer beiden ärgsten Konkurrentinnen: der viermaligen Siegerin aus der Schweiz Natascha Badmann (1998, 2000-2002) und der Kanadierin Lori Bowden (ein Sieg 1999). Kraft selbst hat in dieser Saison noch keine Schwäche offenbart.

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