S. Kräftner für tri2b.com am 17.09.2007 - 14:57 Uhr
Jeder Muskel benötigt zur Kontraktion einen Impuls vom zentralen Nervensystem. Diese Impulse bestimmen, wie viele Muskelfasern aktiviert werden, und Sie werden erstaunt sein, das sind nur etwa 20 Prozent des gesamten aktiven Muskel in der höchsten Belastungsphase. Man spricht auch von einer Müdigkeit und Erschöpfung, die durch das zentrale Nervensystem ausgelöst wird, eine so genannte zentrale Erschöpfung und Müdigkeit.
Handelt es sich hier um die berühmte Müdigkeit im Kopf, von der viele Athleten berichten? Es ist nachzuweisen, dass der zentralnervöse Drive abnimmt, wenn der Muskel ermüdet. Dabei liegt jedoch weder eine anaerobe Situation vor, noch sind die Speicher leer. Noch ein Beleg dafür, dass Müdigkeit und Erschöpfung eine zentralnervöse Komponente haben, ist die Tatsache, dass beim Training in großer Höhe weniger Muskelfasern durch das zentrale Nervensystem rekrutiert werden. Das selbe scheint auch für große Hitze zu gelten. Vorkühlen verbessert deshalb die Leistung, genauso wie »Vorwärmen« sie verschlechtert. Diese zentrale Müdigkeit im Gegensatz zur peripheren Müdigkeit, die in den anderen Modellen maßgeblich zur Leistungsgrenze beitrug, setzt ein, bevor es zu lebensbedrohlichen Situationen in den Organen kommen kann. Es gibt also Sicherheitsmargen, um den Herzmuskel zu schützen, die ATP-Versorgung zu sichern und den Körper ganz generell im Gleichgewicht zu halten. Nicht nur einfach trainieren, sondern mit dem Kopf bei der Sache sein, das verändert die Trainingseffizienz und erhöht die Resistenz gegenüber Erschöpfung. Neuromuskuläre Verbindungen müssen ebenfalls trainiert werden.
Regelkreise im zentralen Nervensystem geben die Leistungsgrenze vor
Ein schöner, meiner Ansicht nach sehr einleuchtender Vergleich, der diesen Denkansatz unterstützt, und gleichzeitig zeigt, dass Messparameter allein ganz schön in die Irre führen können, ist der zwischen sportlicher Höchstleistung und einem äußerst gefährlichen Krankheitsbild, das nicht selten zum Tod führt. Das Krankheitsbild heisst SIRS (systemic inflammatory response syndrome) und kann viele Ursachen haben. Zwei oder mehr der folgenden Kriterien müssen erfüllt sein, um ein SIRS zu diagnostizieren: Körpertemperatur über 38°C, Herzfrequenz über 90/min, Atemfrequenz über 20/min, Leukozyten über 1200/µl oder unter 4000/µl, unreife Leukozyten über 10%. Bei einer Marathon- Spitzenleistung können die selben Werte gemessen werden, ohne auch nur im geringsten gesundheitsgefährdend zu sein. Wir sehen, wie wichtig der Kontext der Messung ist und dass Messwerte, ein Surrogat aus vielen Komponenten darstellen, und dass offensichtlich gesunde Regulationsprozesse, die hinter den Messungen ablaufen, ausschlaggebend sind und nicht die Messung an sich.
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Ob es einen zentralen Regler gibt? Es gibt sicherlich ein komplexes Netz an Regelkreisen, zentral und peripher, die dafür sorgen, dass kein Organ oder Organsystem an seine tödliche Belastungsgrenze getrieben wird. Deshalb ist die Leistungsgrenze ein Ergebnis, in dessen Berechnung alle genannten Parameter einbezogen werden. Es handelt sich um kein endgültiges Ergebnis, sondern um ein Kalkulation, die ständig neu erfolgt. Training beeinflusst dieses Ergebnis und verändert die Stellgrößen und den Takt der Regelkreise in das Leben nicht bedrohenden Grenzen.