
Wolfgang Thiel

Thiel mit Müller
Wolfgang Thiel: Krafttraining muss regelmäßig auf dem Plan stehen
H. Eggebrecht für tri2b.com am 15.05.2008 - 22:25 Uhr
Seit zwei Jahren ist Wolfgang Tiel Bundestrainer der DTU und versucht die deutschen Kurzstreckler noch schneller zu machen – im Wasser, auf dem Rad und in den Laufschuhen. 30 km Schwimmen, 300-400 km Radfahren und 120 km Laufen ist dabei das normale Wochenpensum der Kaderathleten. Wir haben mit dem DTU-Cheftrainer über die Bedeutung von alternativen Trainingsformen und Kraft- und Athletiktraining im Triathlonsport gesprochen.
tri2b.com: Ein immer wieder gern zitierter Spruch besagt – Sommersportler werden im Winter gemacht. Dahinter steckt die Aussage der Trainingslehre, dass ein langfristiger Trainingsaufbau die Grundlage für eine gute Wettkampfform darstellt. Wie wichtig sind hierbei alternative Trainingsinhalte?
Wolfgang Thiel (W.T.): Seit dem ich in der Hauptverantwortung stehe, das ist jetzt seit zwei Jahren, haben wir kaum alternative Sportarten gemacht, da ich der Meinung war, dass wir aufgrund der Kürze der Zeit, mit der WM im eigenen Lande und jetzt Olympia da kaum Ausweichmöglichkeiten hatten und ich unbedingt wollte, dass wir den erkannten und bisher zu kurz gekommenen Inhalten mehr Aufmerksamkeit schenken. Deshalb haben wir beispielsweise auf alternative Trainingsformen wie Skilanglauf oder Skating verzichtet. Wir sind in beiden Jahren sehr früh in das spezifische Training mit Schwimmen, Radfahren und Laufen eingestiegen. Wir haben versucht, hier die Umfänge noch weiter nach oben zu ziehen, was auch geglückt ist.
tri2b.com: Wollen Sie dieses Prinzip langfristig beibehalten?
W. T. Ich denke, dass wir jetzt nach Peking, hier spreche ich von den nächsten zwei Jahren, sicher über Skilanglauf-Trainingslager nachdenken und ins Geschehen mit ein bringen. Allein schon deshalb, weil es eine wirklich gute Basis bildet und auch von Kopf her etwas anderes ist. Wenn ich von dem vierjährigen Olympiazyklus ausgehe, dann bietet es sich an 2009/2010 vermehrt auch alternativen Trainingsformen einzusetzen. So kann man den Gesamtumfang insgesamt sehr hoch ansetzen, ohne schon zu früh in die spezifischen Belastungen zu gehen und die Athleten dadurch zu überlasten. Über diesen Aufbau ist es möglich, dann auch in der direkten Vorbereitung auf die nächsten Spiele 2012 im spezifischen Training auf einem noch höheren Niveau zu trainieren.
tri2b.com: Welchen Stellenwert hat das Krafttraining im Trainingsaufbau? Welchen Raum nimmt das derzeit bei den DTU-Kurzstrecklern ein?
W. T. Ich bin ein sehr großer Befürworter des Krafttrainings und der allgemeinen Athletik. Das haben wir in den letzten beiden Jahr auch noch weiter forciert. Ich habe mit Joelle Franzmann schon sehr früh, seit 2001, diese Krafttrainingsschiene in das Triathlontraining mit rein gepackt. Ich war ganz klar der Meinung, dass die Verletzungsanfälligkeit deutlich mit einer zu gering ausgebildeten Muskulatur in Verbindung stand. Wir haben dann ganz gezielt das Kräftigungstraining für die Beinmuskulatur, für Rücken und Bauch und den Schultergürtel mit aufgenommen. Hier in Saarbrücken am Olympiastützpunkt haben wir einen eigenen Trainer für Kraft- und Athletiktraining, der uns viermal in der Woche zur Verfügung steht. Wir machen zusammen gezielte Kraftaufbauprogramme, ebenso gibt es spezielle Schwimmprogramme in einer Art Zirkeltraining, bei der die Schultermuskulatur trainiert wird. Dafür haben wir sogar eigene Geräte. Über den Winter wurde dies ganz konsequent durchgeführt, auch in den Trainingslagern.
tri2b.com: Wie groß ist der Anteil des Krafttrainings in der Wettkampfphase?
W. T. Wenn Wettkämpfe anstehen, wird das Krafttraining deutlich reduziert, weil diese Form des Trainings für einen Ausdauersportler auch sehr ermüdend ist. So drei bis vier Wochen vor den ganz wichtigen Rennen wird hier rausgenommen. Das ist aber von Athlet zu Athlet verschieden, jeder reagiert hier individuell. Das Krafttraining wird auch nicht ganz eingestellt. Es wird insoweit beibehalten, das die Serienzahl auf ein Minimum reduziert wird, um das erarbeitete Niveau zu halten. Die restliche frei werdende Trainingszeit wird dann bewusst mit Lockerungsübungen, Dehnen und Entspannungstraining belegt.
tri2b.com: Welche Tipps haben Sie für den beruflich eingespannten Hobbytriathleten, der nur ein Bruchteil der Trainingszeit eines Profitriathleten zur Verfügung hat? Wie kann man hier Kraft- und Athletiktraining sinnvoll integrieren?
W. T. Das ist ganz klar ein Thema für die dunkle Winterzeit. Zwei bis dreimal in der Woche in einem Studio etwas auf dem Ergometer fahren und daran anschließend ein gezieltes Aufbautraining zu machen. Diese Zeit müsste man eigentlich haben, da geht draußen kaum einer Laufen oder Radfahren. Nur mit dem Schwimmen muss es halt abgestimmt sein. Auch ein Hobbysportler sollte da gezielt ran gehen. Es ist ganz wichtig, das Krafttraining regelmäßig zu machen. Gerade die ersten drei bis vier Wochen sind oft eine Durststrecke, die es zu überwinden gilt. Es ist eben am Anfang sehr ermüdend und es leiden deshalb erst einmal auch alle anderen Disziplinen darunter. Das ist aber ganz normal. Man merkt dann, dass es im Laufen und auf dem Rad sehr schwer geht und ganz speziell auch im Schwimmen. Manch sagen dann schnell – das bringt ja eh nichts - und hören wieder damit auf. Deshalb der Tipp: Ein Zeitraster von bis zu sechs Wochen einplanen und das Krafttraining auch gegen die Ermüdung durchziehen. In der Regel bemerkt man dann auch die ersten Erfolge. Der Raddruck wird besser. Die Verletzungsanfälligkeit hat sich bei uns um mehr als die Hälfte reduziert.
tri2b.com: Was ist bei der Auswahl der zu trainierenden Muskelgruppen zu beachten?
W. T. Die Gefahr im Ausdauersport ist ganz klar die, dass man sich eine Art Luxusmuskulatur aufbaut, die gar nicht gebraucht wird. Diese Gefahr ist aber für einen Athleten, der konsequentes Ausdauertraining betreibt, sehr gering. Ich sehe das ganz genau bei unseren Athleten. Wenn wir das Krafttraining zwei Wochen rausnehmen, merken wir sofort, dass dann nur noch die wirklich für die drei Disziplinen benötigte Muskulatur ausgebildet bleibt. Die nicht benötigte Muskulatur bildet sich selbst in dieser kurzen Dauer schon zurück.
tri2b.com: Gibt es Athleten, die überproportional vom Krafttraining profitieren?
W. T. Das ist wirklich sehr unterschiedlich. Es gibt Triathleten, die schauen die Kraftmaschinen nur an und sie bauen schon Muskulatur auf. Hier muss man schon aufpassen, dass die nicht zuviel machen. Andere wiederum arbeiten sehr hart und bauen nur sehr wenig Muskelmasse auf. Bei dem ersten Typ muss mehr die Kraftausdauerschiene gefahren werden. Bei den Zweitgenannten über das Training der Maximalkraft, um überhaupt eine gewisse Struktur in die Muskulatur rein zu bekommen. Diese Unterschiede werden bei uns natürlich berücksichtigt. 80 Prozent unserer Athleten machen drei bis viermal die Woche ein entsprechendes Training. Einige Athleten sind schon auf einem solch ausgeglichenem Niveau, da verzichten wir auf eine weitere Anhebung. Hier beschränken wir uns auf Übungen für den Rumpf mit dem eigenen Körpergewicht und Dehnungsübungen.
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