Der Weg zum ersten Langdistanz-Finish

Daniela Pezenburg am 12.05.2009 - 21:52 Uhr

© http://www.triaphoto.com
Um die Langstrecke zu bewältigen, muss man nicht unbedingt schon kürzere Distanzen absolviert haben. Viel wichtiger ist die Freude an körperliche Grenzen zu stoßen und an dem, was danach kommt. Wenn der Körper nicht mehr kann, setzt die mentale Kraft ein. „Das musst du unbedingt mal gemacht haben!“ waren die ersten Worte eines Freundes nach seinem Finish in Roth. Ein Erlebnis, was man angeblich nie vergisst.

Der Gedanke meine körperlichen Grenzen kennen zu lernen, reizte mich schon sehr, aber wie soll ich das schaffen – 3,8 km Schwimmen – ich kann nicht mal kraulen, 180 km Rad fahren – ein Rennrad habe ich auch nicht – und einen Marathon, den bin ich schon öfter gelaufen, das ist doch ein Anfang.

Und wie heißt es immer so schön beim Ironman: Everything is possible.

challenge-roth.de - die Anmeldung
Melde ich mich erst an, wenn ich denke, genug trainiert zu haben oder melde ich mich gleich an, damit ich auf mein Ziel trainieren kann? Das Gefühl, fit genug zu sein, stellt sich sicher nicht ein und woher soll ich wissen, wie es sich anfühlt? Also melde ich mich gleich an, bevor ich es mir anders überlege. Natürlich wähle ich den Klassiker: Roth soll es sein.

Ich drücke den Anmelde-Button, erst dann frage ich mich, wie ich eigentlich auf so ein Ereignis trainieren soll? Ich habe genau noch neun Monate für die Vorbereitung – viel Zeit - oder etwa nicht. Zweifel der Machbarkeit kommen mir in den Sinn. Ein Triathlon ist eben kein Marathon, noch nie in meinem Leben habe ich von morgens bis abends Sport ohne Pause getrieben.



Der Weg ist das Ziel
Ich organisiere mir einen Trainer. Der Trainingsplan sieht anfangs 15 Stunden, zum Ende hin 20 Stunden Training pro Woche vor. Mein neuer Job bringt es mit sich, dass ich im Schnitt zehn Stunden am Tag arbeite. So pendele ich in den kommenden Wochen überwiegend zwischen Arbeit, Fitnessstudio und Bett hin und her. Ich habe nur das eine Ziel vor Augen – den Triathlon zu schaffen. Daher fällt mir auch nicht auf, dass ich kaum Zeit für meine Beziehung und meine Freunde habe. Der soziale Kontakt fehlt mir überhaupt nicht. Vielmehr genieße ich, dass ich mir die Zeit für das Training nehme.

Mittlerweile ist es Anfang März. Meine Fortschritte beim Kraulen desillusionieren mich, jemals die 3,8 km durchzustehen. Warum ist das nur so schwer zu lernen? Ein Freund versichert mir, dass der Tag kommen wird, an dem es einfach funktioniert – und er sollte Recht behalten.
Ich habe mir ein Rennrad zugelegt und versuche alle Erhöhungen in Berlin abzufahren, um ansatzweise Bergfeeling zu bekommen. Allerdings beschränken sich Berlins „Berge“ auf ungefähr 110 Höhenmeter. Daher steht auf dem Trainingsplan eine Einheit, bei der ich eine bestimmte Runde von 20 km und etwa 200 Höhenmeter ganze 8-mal fahren soll. Schon bei der vierten Runde stelle ich mir die Frage nach dem Warum. Sinnloser kann Training für mich nicht sein. Ich beschließe die Route zu ändern und fahre „heimlich“ nach Potsdam raus. Um mich auf die 1.200 Höhenmeter von Roth richtig vorzubereiten, fahre ich doch lieber in die Berge.

Sondereinsatz auf Lanzarote
Ich beschließe mit einem Freund ins Trainingscamp nach Lanzarote zu fliegen. Im Vorfeld erkundigen wir uns nach dem Leistungsniveau der Gruppen. Uns wird zugesichert, dass sicher was für uns dabei ist – nach der ersten Radausfahrt bekommen wir beide einen Trainer für uns, unsere Durchschnittgeschwindigkeit von 24 km/h entspricht nicht annähern dem Niveau der anderen Teilnehmer – und schon gar nicht meiner Vorstellung für die Wettkampfstrecke sechs Stunden zu benötigen. Ein kleiner Dämpfer für das Selbstbewusstsein, mein Ziel jemals zu erreichen. Der Gedanke, den „Ironman“ einmal im Leben zu schaffen, verursacht bei mir aber sofort dieses unglaubliche Kribbeln am ganzen Körper, so dass meine Zweifel schnell verworfen sind.

Auf einmal war es Juli
Die letzte Woche meines anfänglich nie endenden Trainingsplans steht an, die letzten Radeinheiten für den Tag, für den ich so lange trainiert habe, eine Einheit im See, einmal noch Koppeltraining und auf geht’s nach Roth. Ich habe keine Ahnung, ob ich die Distanz bewältige, glaube aber ganz fest daran.

Ich bin im Wasser, warte auf den Startschuss und kann kaum glauben, dass dieser Tag endlich da ist. Ich spüre keinerlei Aufregung, vielmehr überkommt mich das Gefühl der absoluten Ruhe und Vorfreude auf alles, was ich die nächsten Stunden erleben werde.

Der Startschuss fällt – es geht los. Ich kraule die Strecke durch und steige etwas wacklig aus dem Wasser, es fühlt sich gut an, als ich mein Fahrrad erreiche. Auf den ersten Kilometern bekomme ich plötzlich starke Bauchkrämpfe, vermutlich habe ich zuviel Wasser beim Schwimmen geschluckt. Ich zweifele daran, überhaupt die erste Runde durchzustehen. Nach 70 Kilometern sind die Krämpfe vergessen und mein Ziel wieder näher gerückt. Vom Solarer Berg habe ich schon viel gehört und auf einmal steht er vor mir, Massen an Zuschauern feuern uns an, ich bekomme Gänsehaut. Genau wie immer beschrieben.

Oben angekommen, fühle ich mich noch ganz berauscht von der Stimmung und fahre entspannt weiter. Ich fühle mich nicht erschöpft, sondern bin einfach nur glücklich, hier zu sein. Nach weiteren Stunden, die wie im Flug vergehen, winkt mich jemand in die Wechselzone. Bin ich gerade wirklich 180 km gefahren? Unglaublich, schnell die Turnschuhe anziehen und nur noch den Marathon laufen.

Nur noch den Marathon laufen – bei Kilometer 24 übergebe ich mich, auch mein Darm hindert mich daran, locker durchzulaufen. Aufgeben kommt gar nicht in Frage, so kurz vor dem Ziel. Ich bin mittlerweile über elf Stunden unterwegs, da werde ich doch die zwei Stunden auch noch durchhalten. Ich versuche trotz der Übelkeit den Moment zu genießen – endlich in Roth, endlich mein erster Triathlon, endlich die Lorbeeren für all die Mühen der letzten Monate ernten.

Wiederholungsgefahr: Nach dem Triathlon ist vor dem Triathlon
Kilometer 39 – es fühlt sich surrealistisch an, fast dreizehn Stunden sind vorbei und ich bin drei Kilometer vom Ziel entfernt. Das erste Mal schießen mir vor Freude die Tränen in die Augen. Gleichzeitig überkommt mich eine Traurigkeit und Leere, gleich ist es vorbei. Und dann? Ich wollte doch nur wissen, wie es sich anfühlt, so eine Distanz zu bewältigen und nun denke ich schon an den nächsten Triathlon.

Plötzlich sind rechts und links von mir Menschenmassen, ein blauer Teppich weist mir den Weg ins Ziel. Genau in diesem Moment spüre ich ganz deutlich, warum ich mir das angetan habe.

Neun Monate lang bin ich wieder und wieder an meine körperlichen Grenzen gestoßen, Noch kurz vor dem Wettkampf konnte ich kaum zwei Kilometer durchkraulen. Ganz abgesehen von den 35 Kilometer-Läufen, die mich an den Rand der Erschöpfung gebracht haben. Der unglaubliche Wille hatte ein sehr großen Anteil daran, die Distanz zu schaffen. Das Wissen, dass körperliche Grenzen nicht gleich die Aufgabe bedingen und der feste Glaube ans Gelingen, haben mich fit an die Startlinie und ins Ziel gebracht.

Anzeige