Drucksache: Der Weg zum individuellen Radtrikot

von Harald Eggebrecht für tri2b.com | 26.01.2018 um 11:42
Wer schon etwas länger in der Triathlon- und Radfahrerszene dabei ist, der wird sich noch an die Zeiten zurück erinnern, als bei den Teamtrikots die Sponsoren-, Gönner- und Vereinsnamen meist per Flocktransfer aufgebracht wurden. Oder es wurde per Nadel und Zwirn noch ein Sticker des neuesten Ausrüsters nachträglich aufgenäht. Diese Möglichkeit des "Individual-Brandings" besteht natürlich weiterhin, doch das Zauberwort moderner, individuell designter Bekleidung für Triathleten und Radfahrer heißt Sublimationsdruck. Damit sind fast alle nur erdenklichen Design-Wünsche - auch in Kleinstserien - umsetzbar, zu einem früher so nicht erreichbarem Preisniveau. Wir durften bei Bioracer, dem belgischen Spezialisten für Radsport- und Triathlon-Teambekleidung hinter die Kulissen schauen und hautnah dabei sein, als eine tri2b.com Radkombi aus Shirt und Short entstand.

Welches Trikot hätten Sie denn gerne? Am Anfang steht erst einmal die Wahl des Modells und natürlich die Entwicklung des Designs. In Tessenderlo, dem Firmensitz von Bioracer in der belgischen Provinz Limburg, kümmert sich ein achtköpfiges Designer-Team um die Wünsche der Kunden. Während an einen Bildschirm gerade ein Trikot mit den Weltmeister-Regenbogenstreifen designt wird, entsteht am nächsten Rechner nebenan ein Entwurf für einen kleinen Dorf-Radclub. Egal ob Weltmeister- oder Kirmessieger-Trikot, es wird so lange daran gefeilt bis alles passt. Birgit Schlaak, bei Bioracer seit vielen Jahren für den Vertrieb in Deutschland zuständig, kennt auch die regionalen Vorlieben der Radsportler und Triathleten. "Nordisch bunt", nennt die Rheinländerin die meist farblich eher dezent gehaltenen Wünsche der Kunden aus dem norddeutschen Raum.  Deutlich farbenfroher geht es dagegen im Osten und Süden zu.

Am Anfang steht der digitale Entwurf des Trikots

Doch wie wird nun aus dem in der 3D-Animation virtuell greifbaren Trikot ein haptisch erlebbares hochfunktionales Sporttextil? Wir gehen ins Erdgeschoss des modernen Bioracer-Baus und stehen plötzlich vor einer ganzen Reihe riesig anmutender Drucker. Auf einem Spezialpapier werden hier die Designs nun (seitenverkehrt) ausgedruckt - Teil für Teil - Rücken- und Brustteil, die Arme usw.  .  Eine Tür weiter geht es dann auch richtig handwerklich zur Sache. In einer großen Halle wird hier an verschiedenen Arbeitsplätzen eifrig gearbeitet.

 

Großes Trikot-Puzzle

 

Dort gibt es den Platz für die Zuschnitte der Teile. Aus den großen schneeweißen Stoffrollen entsteht ein wahres "Trikot-Puzzle".  Wer sich den Katalog von Bioracer mit den verschiedenen Modellen, Stoff- und Gewebevarianten (über 30 Textil- und Gewebesorten werden bei Bioracer verarbeitet)  ansieht, das ganze Mal zwei für Männer und Frauen nimmt und dann  alles noch je Größe (bis zu 15 gibt es, von Kindergröße bis SSL - Super-Super-Large) rechnet - hier sollte man in der Schule in Kombinatorik aufgepasst haben - wird schnell feststellen, dass die Anzahl der verschiedenen Teile fast unüberschaubar ist. Die Zuschnitte werden sowohl mit einem Schnittroboter als auch per Hand erledigt.  Würde hier geschludert werden, dann würden die Trikots am Ende wohl so sitzen wie bei so manchem Discounter-Angebot.


Der Bioracer Hauptsitz im belgischen Tessenderlo

 

Bioracer im Kurzportrait:

Im Jahr 1984 liegt der Startpunkt von Bioracer. Der Belgier Raymond van Straelen brachte  ein Radvermessungssystem auf den Markt. Aus der ganzen Welt kamen damals Radfahrer in die kleine Garage von van Straelen, um sich die perfekte Position anpassen zu lassen.  Parallel wurde damals auch schon an Radbekleidung für unterschiedliche Witterungsbedingungen und Leistungsansprüche getüftelt. Es war die Zeit, in der Kunstfaserstoffe in der Sportbekleidung den Durchbruch schafften. Vor der Jahrtausendwende fuhr man bei Bioracer noch zweigleisig. Es wurde sowohl in der Rad- als auch Textilentwicklung und Produktion gearbeitet.  Seit dem Jahr 2003 konzentriert man sich bei Bioracer auf das Kerngeschäft Radsportbekleidung, wobei man in Tessenderlo die Bekleidung nie losgelöst vom Rad sah und sieht.  So bietet Bioracer mit dem "Bioracer Aero" einen virtuellen Windkanal an, bzw. schneidert die Bekleidung  nach Maß für die entsprechende Sitzposition und erwarteten Fahrgeschwindigkeiten.  Profis, wie der Zeitfahrspezialist Tony Martin und Bahn-Olympiasiegerin Kristina Vogel, gehen für den Bund Deutscher Radfahrer in Bioracer auf Medaillenjagd. Allerdings sieht man in Tessenderlo auch immer wieder Weltklasseathleten und Team "undercover", die sich hier auf Rechnung das passende Sitzpolster verpassen lassen. 


Hitze und Druck bringen die Farbe ins Spiel

 

Ein paar Meter weiter kommt dann Farbe, Hitze und Druck ins Spiel. Auf einem großen Tisch werden zunächst die noch weißen Trikotteile exakt auf den Druckvorlagen gelegt. Die Handgriffe der hochkonzentriert arbeitenden Frauen sitzen. Zunächst ist noch das weiße Trikot von Mark Cavendishs Pro-Tour-Team Dimension Data an der Reihe, bevor auf den Tisch das tri2b-Blau erscheint.  Noch ein paar Sekunden, dann verschwindet alles unter den großen Walzen der Druckmaschine.  Mit um die 220 Grad Celsius (je nach Stoff) und einem Druck von 20 Bar wird die Farbe auf dem Druckpapier verflüssigt und in den Trikotstoff gepresst.  Nun sind die Puzzlestücke schon mal farbig und werden für die Näherei je Teil zusammensortiert.  Der ganze Farbtransfer findet übrigens ohne wahrnehmbare Lösungsmittelausdunstungen statt und soll 4-5 Jahre mit einem gerechneten Waschvorgang pro Woche (200-250 Waschvorgänge) Farbechtheit garantieren.

Am anderen Ende der Halle surren schon die Nähmaschinen.  Hier sieht man auch wie das Sitzpolster in die Short kommt. Auf einer Art umgekehrten "Schaufensterpuppe" wird das Sitzpolster richtig ausgerichtet und mit Nähnadeln fixiert.  Keine Angst: Einen Tisch weiter ist die Qualitätskontrolle, bei dem jedes Teil geprüft wird. Vor vergessenen Nadeln im Sitzposter braucht also niemand Angst haben.  Ein paar Minuten später darf ich mein tri2b.com-Trikot schon in der Hand halten. Kurze Anprobe. Der Sitz ist perfekt - die Gr. M ist genau so groß wie das M unserer Bioracer tri2b.com A|N Triathlonteam Kollektion aus dem Vorjahr. So muss es sein.

 Ton in Ton - natürlich muss auch das Nähgarn farblich zum Trikot passen

 

Bis zu 20.000 Teile die Woche

 

Was ich hier im Schnelldurchlauf miterleben durfte, dauert normalerweise 6 bis 8 Wochen ab der Auftragserteilung, wenn der finale Designentwurf bestätigt wurde. An die 20.000 Teile verlassen jede Woche das Bioracer-Auslieferungslager in Tessenderlo. Eine Menge, die in der Produktion in Belgien allein schon lange nicht mehr hergestellt werden kann. Außerdem ist der Markt an gutem Nähpersonal auch in Belgien heutzutage sehr rar gesät.  Bioracer unterhält deshalb mehrere eigene Produktionsstandorte in Ost- und Südosteuropa (Tschechische Republik, Rumänien) und Nordafrika (Tunesien) die laut Firmenangaben nach den exakt gleichen Standards wie im belgischen Mutterwerk fertigen. Der Versand zum Endkunden erfolgt allerdings immer direkt aus Belgien.   

Fotoserie: Der Weg zum individuellen Radtrikot