Aerycs C 55/69 SL C AERO WT im Praxistest

von Harald Eggebrecht für tri2b.com | 15.12.2017 um 13:25
Mattschwarz und mal dezent oder auch aggressiv vor sich hin wummernd mit einem 40er Schnitt über die Landstraße düsen. So ungefähr lesen sich die Träume der Triathleten, wenn es um Carbon-Laufräder geht. Meist wird man je aus den süßen Träumen gerissen, wenn das Preisschild aufleuchtet - liegen doch die meisten Vollcarbon-Aerolaufräder sehr oft deutlich jenseits der 2.000,00 EUR. Ob sich der Carbon-Traum auch für weniger als die Hälfte erfüllen lässt, das haben wir mit den neuen Aerycs C 55/69 SL C AERO WT ausprobiert. Der im oberbayerischen Baierbrunn südlich von München ansässige Hersteller bietet diesen Laufradsatz bereits ab 969,00 EUR im Direktvertrieb an. Wir sind die Kombination aus dem 55 mm hohen Vorderrad und dem 69 mm hohen Hinterrad über drei Monate Probe gefahren.

Die Frage, die sich wohl die meisten nun stellen:  Geht das wirklich, für nicht mal die Hälfte des sonst oft aufgerufenen Preises ein vernünftiges Carbon-Aerolaufrad anzubieten?

Die Basis der Aerycs Laufräder bilden die vom japanischen Hersteller Toray in der Wickeltechnologie produzierten Carbonfelgen. Toray gilt als der weltgrößte Hersteller von Kohlenstofffasern.

Der Aufbau der Laufräder erfolgt dann in Ellerau im Süden Schleswig Holsteins, wo Aerycs-Produktmanager Robert Lentzsch dann für das vom Kunden gewünschte Setup sorgt. Wie in einem Baukasten-System kann der Wunsch-Laufradsatz auf der Aerycs-Website zusammen gestellt werden. Felgenhöhen für Vorder- und Hinterrad, Speichenzahl  (bis 90 kg Fahrergewicht wird normalerweise mit 16/20 eingespeicht, bis 110 kg kommt dann die 20/24-Variante zum Einsatz).  Die Qual der Wahl gibt es dann bei der Nabe. Standard ist die hauseigene A1-Nabe. Neben weiterer Aerycs-Varianten können auch Naben von DT-Swiss, Syntace und Tune verbaut werden.  Insgesamt stehen 13 Naben-Optionen zur Wahl. Außerdem kann auch das Dekor gewählt werden.

 

Unser Setup:

 

Unser Testlaufradsatz war auf der Aerycs A1 Nabe aufgebaut, in der Variante 16 Speichen am Vorderrad (radial) und 20 Speichen am Hinterrad (auf der Zahnkranzseite zweifach-gekreuzt, Gegenseite radial). Als Speiche wurden DT Swiss AERO-Comp Messerspeichen verbaut. Bei der Reifenwahl ging Tüftler Robert Lentzsch einen besonderen Weg. Auf unseren Testsatz wurden nicht die sonst üblichen angebotenen Pneus von Conti (4000 SII) oder Schwalbe (Tubeless PRO one) aufgezogen, sondern der Tufo Comtura Aero 25. Hintergrund: Aufgrund der besonderen Felgenform verformt sich der aus der Tschechischen Republik kommende Tufo-Reifen weniger als die allseits bekannten Reifen von Conti und Co. Ein nicht zu vernachlässigender Punkt, wenn eine 25 mm-Variante für ein Triathlon-Setup aufgezogen werden soll. In der Tat klappte dann auch der Einbau in unserem Aero-Triathlonrad, während wir bei den anderen 2017er Tests (DT Swiss ARC 1100 DICUT 48 und Knight 65) mit der 25 mm Variante von Conti das Hinterrad aufgrund "Platzmangels" nicht im Triathlon-Bike fahren konnten. Lentzsch empfiehlt deshalb den vielen Conti-Liebhabern bei Triathlon-Rädern auf die sichere 23 mm-Variante zu gehen.

Aerycs C 55 SL C AERO WT Vorderrad - 693 Gramm 

 

Aerycs C 69 SL C AERO WT Hinterrad - 905 Gramm

 

Unser Praxistest:

 

Der erste Eindruck bleibt nun mal meist bestehen und da braucht sich unser Aerycs-Laufradsatz wahrlich nicht verstecken. Als erstes fiel die wirklich sehr gute Laufruhe auf. Es fuhr sich gefühlt wie auf Schienen. Gleiches gilt für Antritte und schnelle Kurven - die Steifigkeit war für uns (Fahrer 69 kg) mehr als ausreichend.  Unsere 55/69 mm-Variante war auch hinsichtlich der Seitenwindstabilität allseits gut zu steuern. Wobei wir ausschließlich bei normalen und mittleren Winden unterwegs waren. Die Variante mit dem flacheren Vorderrad dürfte aber auch im böigen Hawaii-Mumuku bestehen können. Die Schweizerin Celine Schärer (Ironman Zürich-Siegerin) war 2017 in Kona übrigens auf Aerycs-Wheels unterwegs.

Celine Schärer beim Ironman Hawaii 2017 auf Aerycs-Laufrädern

 

Wie immer spannend ist die Frage nach der Bremsleistung bei Carbonfelgen in Kombination mit Felgenbremsen. Mit den mitgelieferten grauen Bremspads konnte bei trockenen Bedingungen ordentlich Bremsdruck aufgebaut werden. Anfangs war allerdings bei mittlerem Bremsdruck noch das vielfach bekannte auf "Carbon bremsen ruckeln" zu spüren. Im Laufe des Testzeitraums verflüchtigte sich das Ruckeln spürbar. Ein Vergleich mit Swissstop Carbon-Bremsbelägen führte gefühlt zu einem leicht besseren Ergebnis. Insgesamt ließ sich die Bremsperformance durch etwas Tüfteln bei der Einstellung der Bremspads auf ein Niveau einstellen, dass auch auf kurvigen Abfahrten kein unsicheres Gefühl aufkommen ließ. Zudem bekommt man relativ schnell die entsprechende Routine für den passenden Bremsdruck. Bei Nässe sind wie bei allen Carbon-Laufrädern mit Felgenbremsen natürlich Abstriche bei der Bremsleistung zu machen. Hier hilft im Falle einer Regenfahrt vor allem vorausschauendes Fahren. Wer sich öfter mal auch bei solchen Witterungsbedingungen aufs Rad schwingt wird auch entsprechend Routine für den Ernstfall im Wettkampf  bekommen.

Kommen wir noch zum im eingangs erwähnten Traum beschriebenen Laufrad-Wummern. Der Sound ist eher dezent aber noch gut für die im besten Fall stehen gelassene Konkurrenz wahrnehmbar:-) .

 

Unser Fazit:

 

Der  Aerycs C 55/69 SL C AERO WT  Laufradsatz  gefiel uns in den entscheidenden Punkten wie Laufruhe, Steifigkeit und Steuerverhalten wirklich außerordentlich gut. Die Verarbeitung kam durchwegs wertig herüber. Im Testzeitraum gab es auch keinerlei Anzeichen, dass die Laufräder schneller verschleißen zu drohen als die mehr als doppelt so teure Konkurrenz. Hinsichtlich Aerodynamik können wir nur aus den Testfahrten den subjektiven Eindruck wiedergeben, dass der viel zitierte Segeleffekt deutlich spürbar war. (in diversen Windkanal-Tests, z.B. Tour-Magazin, platzierten sich Aerycs-Laufräder bisher meist im vorderen Mittelfeld).

Mit selbst gemessenen 1598 Gramm sind die Aerycs auch in puncto Gewicht für die Bauhöhe absolut dabei. Das Bremsverhalten kann bei teuren Konkurrenzprodukten etwas besser sein, muss es aber nicht. Den sehr wertigen Eindruck mindert etwas der Aerycs-Dekoraufkleber, der dem an sich sonst absolut namenlosen Laufrad erst die Zuordnung ermöglicht. "Es wird gerne auch ohne Dekor bestellt und dann Zipp und Co drauf geklebt," gibt Aerycs-Mann Lentzsch uns als Antwort auf die Labelfrage. Rein von den Fahreindrücken könnte das auch durchaus passen.  

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Technische Details

Hersteller Aerycs
Modell C 55/69 SL C AERO WT
empf. VK Preis in Euro ab 969 €
Gewicht Vorderrad 693 g
Gewicht Hinterrad 905 g
Nabe Aerycs A1 16/20
Speichen vorne 16 (radial), hinten 20 (radial, bzw. Zahnkranzseite 2-fach gekreuzt)
Freilauf Shimano/SRAM 9/10/11 Road
Felgenbreite Bremsflanke 26 mm
Felgenbreite innen (Maul) 18 mm
Felgenhöhe 55 mm (VR), 69 mm (HR)
Fahrergewicht bis 90 kg (110 kg mit 20/24 Speichen)
Garantie 24 Monate
Website https://www.aerycs-shop.de

Bewertung

Preis/Leistungsverhältnis- +
Verarbeitung- +
Rundlauf- +
Bremsverhalten- +
Gewicht- +
Fahr- und Lenkverhalten bei Seitenwind- +
Händler/Service-Netz- +

Fotoserie: Aerycs C 55/69 SL C AERO WT im Praxistest