Orthopädie: Wie man Verletzungen vermeidet - oder behandelt

Dr. med. Harald Funk am 28.11.2004 - 19:38 Uhr
Orthopädische Verletzungen empfinden Sportler oft als tragisch. Verständlich, denn wer sich viele Monate auf ein Trainingslager freut und sich dann – was leider gerade im Amateurbereich gar nicht so selten vorkommt - eine Verletzung des Bewegungsapparats zuzieht, sieht die Träume einer ganzen Saison davonschwimmen. Natürlich ist Vorbeugung das beste Mittel, doch auch über die Behandlung der wichtigsten Komplikationen sollten Sportler Bescheid wissen

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und viele orthopädische Probleme basieren darauf, dass man sich im Trainingslager zu weit und zu schnell von der gewohnten Trainingsroutine entfernt. Was aber ist „zu weit“? Als Faustregel hat sich bewährt, dass der tägliche und der wöchentliche Trainingsumfang (egal ob in Kilometer oder Stunden gemessen) nicht höher sein sollte, als der maximale Tages- oder Wochenumfang in den letzten etwa acht Wochen vor dem Trainingslager plus 50%.

Belastungen gut vorbereiten
Ein Beispiel: Wer in den Wochen vor dem gebuchten Trainingslager nie mehr als zehn Stunden verteilt auf sieben Tage trainiert hat, würde sein Verletzungsrisiko überproportional steigern, wenn er plötzlich 15 Wochenstunden deutlich überschreitet. Das gilt näherungsweise auch für die Dauer jeder einzelnen Trainingseinheit: Radausfahrten von sechs Stunden Dauer machen sowohl trainingsmethodisch als auch aus orthopädischer Sicht nur dann Sinn, wenn man zuhause wenigstens schon einige Male vier Stunden auf dem Rad gesessen ist.

Der Autor Dr. med. Harald Funk,
Stationsarzt in einer orthopädischen
Fachklinik am Chiemsee, ist seit mehr
als 10 Jahren mit Ehefrau Heike im
Triathlonsport aktiv und konnte sich
dabei wiederholt bei gut besetzten
Rennen auf vorderen Rängen
platzieren (u. a. IM Lanzarote 1996
Rang 4, QCR 2003 Rang 9).
Man kann die Faustregel auch umgekehrt anwenden: Wer sich eine Spitzenwoche mit 30 Stunden für das Trainingslager vorgenommen hat, sollte die Trainingswochen davor so planen, dass wenigstens eine Woche 20 Trainingsstunden umfasst. Dabei sollte diese Woche nicht unmittelbar vor dem Trainingslager liegen, denn die Anpassungsvorgänge in Muskeln, Sehnen und Gelenken brauchen Zeit.

Nur Millimeter zwischen Gut und Böse
Auch in der Trainingsausrüstung lassen sich Fehler vermeiden. Das neu gelieferte Wettkampfrad gleich im Trainingslager stolz zu präsentieren, birgt Gefahren. Selbst bei identischen Einstellungen für Sattelhöhe und -position oder die Vorbaulänge genügen oft schon neue Pedale oder ein neues Sattelmodell, um das Risiko einer Überlastungsverletzung deutlich zu erhöhen. Der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier. Also: neues Material vor dem Trainingslager testen und einfahren.

Im Normalfall wird man nur ein Fahrrad mit auf die Reise nehmen, anders sieht die Situation bei den Laufschuhen aus. Auch wenn der Platz im Gepäck begrenzt ist: drei Paar mit unterschiedlicher Dämpfungscharakteristik sollten zur wechselseitigen Benutzung mitreisen. So lassen sich Belastungsmonotonien vermeiden.

Die typischen Sorgen
Es würde den Rahmen sprengen, hier auf jedes denkbare orthopädische Problem einzugehen. Jede Verletzung hat ihre Besonderheiten hinsichtlich Ursache, Diagnose und Behandlung, so dass die Inanspruchnahme ärztlicher Hilfe vor Ort (soweit vorhanden) fast nie ein Fehler ist und durch diesen Text keineswegs ersetzt werden soll. Die wichtigsten sportorthopädischen Probleme werden in den kommenden Monaten ohnehin in der tri2b.com Sportmedizin behandelt. Trotzdem sollten ein paar praxisbezogene Tipps hier nicht fehlen.

Gereizte Sehnen
Sehr oft handelt es sich bei den im Trainingslagers neu auftretenden Verletzungen um so genannte Tendopathien, womit im medizinischen Fachchinesisch Sehnenansatzentzündungen umschrieben werden, die oftmals im Bereich der Achillessehne, an der Innen- oder öfter noch Außenseite des Kniegelenks oder auch im Leistenbereich auftreten. Zur besseren Druckverteilung ist der Sehnenansatz am Knochen oft mit einem darunter liegenden Schleimbeutel abgepolstert, einer flüssigkeitsgefüllten Schleimhautfalte, die sich im Rahmen einer Sehnenansatzentzündung mit entzünden kann. Man spricht dann von einer Bursitis.

Trotz unterschiedlicher Lokalisation und Ursachen haben diese Verletzungen doch einige Gemeinsamkeiten: Sie sind meistens charakterisiert durch die klassischen Entzündungszeichen Schmerzen, Rötung, Schwellung und Überwärmung; lokale Merkmale, die allerdings nicht alle gleichzeitig vorhanden sein müssen. Schmerz ist oft das erste Symptom. Schon jetzt sollte man Gegenmaßnahmen einleiten und nicht so lange „in die Verletzung hineintrainieren“, bis eine Rötung und Schwellung dazugekommen ist. Faustregel: das Frühstadium einer Verletzung ist erheblich schneller und leichter zu behandeln als ein späteres chronisches Stadium!

P E C H
Sollte trotz aller im ersten Teil dieses Textes beschriebenen Vorsichtsmaßnahmen dennoch eine Überlastungsverletzung auftreten, hat sich für die Erstbehandlung das leicht zu merkende PECH-Schema bewährt: Jeder Buchstabe steht dabei für ein Therapieprinzip: Pause, Eis, Compression, Hochlagern.

„Pause“ bedeutet konkret, die mutmaßlich verletzungsauslösende Belastung vorerst zu meiden. Das ist im Trainingslager natürlich richtig ärgerlich. Im orthopädischen Bereich ist aber selten eine komplette Sportpause erforderlich. Meist kann – das ist das Gute am Triathlon – die Pause durch einen Disziplinwechsel ersetzt werden, so dass der verletzte Athlet nicht zu völliger und im Trainingslager psychologisch schwer zu ertragender Untätigkeit verdammt ist. Bei den meisten Verletzungen der unteren Extremität (Achillessehne, Kniegelenk etc.) ist meist noch ein Schwimmtraining ohne Einschränkung möglich. Stammt die Verletzung vom Radfahren ist manchmal sogar noch ein lockeres Lauftraining möglich, der umgekehrte Fall gilt sogar noch öfter. Da zahlt es sich natürlich aus, wenn man bei der Auswahl des Trainingsortes darauf geachtet hat, dass alle Disziplinen vor Ort ausgeübt werden können (gelenkschonende Laufstrecken, ausreichend temperierter Swimmingpool, ein vernünftig ausgestatteter Kraftraum)

„Eis“ meint die Kühlung der verletzten Struktur, um den meistens begleitenden Entzündungsprozess zu dämpfen. Bewährt haben sich hier verknotete Plastikbeutel, gefüllt mit zerstoßenem Eis und Wasser, die sich meist sehr gut ans Knie, Sprunggelenk oder wo auch immer das Problem liegt, anschmiegen lassen. Nur die zweitbeste Lösung sind die „professionell aussehenden“ so ggennnten Cold-Packs, gelgefüllte Beutel, die sich gerade im gekühlten Zustand nur schlecht an die Hautoberfläche anmodellieren lassen und dadurch die enthaltene Kälte oft nur ungleichmäßig ans Gewebe abgeben können. Der Kühlprozess sollte jeweils nur 10-12 Minuten dauern und über den Tagesverlauf sechs bis acht Mal wiederholt werden. Zur Nacht haben sich kühlende Quarkauflagen (Speisequark aus dem Kühlschrank, nicht aus dem Gefrierfach; Fettstufe egal) in der Praxis bewährt. Dies ist eine moderate Form der Kälteanwendung, die zeitlich nicht begrenzt werden muss, so dass man mit der Quarkauflage auch einschlafen kann. So ausgerüstet verliert doch auch ein nächtlicher Hungerast seinen Schrecken ...

„Compression“ steht für das Bandagieren des betroffenen Muskels oder Gelenks mit einer elastischen Binde. Das ist vor allem bei plötzlich während der Belastung einschießenden Schmerzen (z. B. bei Verdacht auf Muskelfaserriss) von Bedeutung und hat das Ziel, die innere Einblutung und Ödementwicklung im Verletzungsbereich zu minimieren. Bei klassischen Überlastungsverletzungen (Achillessehnenentzündung, Traktussyndrom etc.) sollte auf diese Maßnahme in der Regel verzichtet werden, da die äußere Kompression den Druck im Sehnengleitgewebe noch erhöhen würde.

„Hochlagern“, die letzte der essentiellen Basismaßnahmen, verbessert gerade bei Verletzungen der unteren Extremität den venösen Rückfluss und den Abfluss von Lympfflüssigkeit aus dem Verletzungsgebiet und unterstützt auf diesem Weg die Selbstheilungskräfte des Körpers über eine Verbesserung der Durchblutung.

Wer einen halbwegs unempfindlichen Magen hat, kann zu den genannten physikalischen Maßnahmen unterstützend ein schmerzstillendes und entzündungshemmendes Mittel wie z. B. Ibuprofen oder Diclofenac (enthalten z. B. in Voltaren) einnehmen, sollte dabei aber unbedingt der Packungsbeilage Aufmerksamkeit schenken. Bei Überschreitung der vom Hersteller empfohlenen Dosierung und nach längerer Einnahme führen diese so genannten Nicht-Steroidalen Antirheumatika nicht selten zu Magenschleimhautentzündungen oder sogar Magen – oder Darmblutungen.

Diese Empfehlungen können dazu beitragen, dass sie verletzungsfrei durch Ihr Trainingslager kommen oder, wenn Probleme auftreten, Sie so schnell wie möglich die Basis für eine gemäß Ihren eigenen Ansprüchen erfolgreiche Triathlon-Saison 2005 aufbauen können. Hals- und Beinbruch!
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