Agegrouper-Story Michael Schwarz: Der Marathon auf Lanzarote

von Michael Schwarz für tri2b.com | 14.05.2015 um 22:00
Das Laufen: Schmerzhaftes Finale in Puerto del CarmenWieder heist es, die lange Wechselzone zu durchqueren. Der Weg kommt mir noch länger vor als nach dem Schwimmen. Ich höre die Anfeuerungsrufe von Lukas, Laura und Antje. Weit vorne darf ich mein Rad abstellen, das ist ein gutes Zeichen. Mit 5:33 Stunden bin ich den 47. schnellsten Bike-Split gefahren. Der Adler ist stolz.

Aber es kommen Zweifel auf, die Aussicht auf den anstehenden Marathon ist alles andere als verlockend. Schon auf dem ersten Laufkilometer denke ich, wie schön es wäre, jetzt eine Weile zu gehen. Der Adler taumelt. Dann finde ich doch meinen Rhythmus, laufe mit 4:45 Min/km zwar nicht ganz Ziel-Pace, aber bin mehr als zufrieden. Da kommt mir wieder Faris entgehen, er ist nach wie vor in Führung und mir immer noch 20 Kilometer voraus J. Ich feuere ihn an.

Die Laufstrecke beim IM Lanza ist tückisch, da mit einigen Wellen versehen, die im Verlauf der Rennens auf mysteriöse Weise anwachsen. Zudem ist der Kurs sehr windexponiert: auf den Rückenwindstrecken wird man zwar angeschoben, leidet aber unter der Hitze – bei Gegenwind ist es schön kühl, aber eben gegen den Wind. Bald habe ich das lange Stück entlang des Flughafens Arrecife hinter mir, in Playa Honda sitzen Einheimische und Touristen – darunter viele dicke Engländer – auf den Restaurant-Terrassen und feuern kräftig an. Ich habe noch die Energie, die Menge mit Armrudern zu ermuntern, ihr frenetisches Gebrüll weiter zu steigern.

Ich erreiche den Wendepunkt bei Kilometer 10. Wieder zurück am Flughafen gebe ich endlich meinem seit Stunden anhaltenden Bedürfnis auf einen kurzen Pit-Stop nach. Der Rhythmus kommt durcheinander, ich werde langsamer. Saleta Castro, die auf Platz 3 laufende Spanierin, überholt mich wieder. Ich habe keine Chance, ihrer Pace zu folgen. Der Adler gerät wieder ins Taumeln. Irgendwie schaffe ich es zurück in die Wechselzone, wo mich meine Lieben kräftig anfeuern. Faris kommt mir noch einmal entgegen, immer noch auf Platz 1, bereits auf dem Weg ins Ziel. „Faris, du Tier, zieh’s durch!“. Er wird das Rennen in grandioser Manier gewinnen und seiner Sammlung den siebten Ironman-Sieg hinzufügen.

Bei Kilometer 25 zieht mir jemand den Stecker. Der Adler mutiert zum flügellahmen Sperling, kurze Zeit später gar zum einbeinigen Huhn. Ich bekomme Krämpfe in die Wade links und den hinteren Oberschenkel rechts (gleichzeitig, sehr unangenehm). Es scheint jegliche Energie verschwunden zu sein, die Motivation sinkt auf Null. Meine für solche Momente zurechtgelegten Strategien funktionieren auch nicht so richtig.

‚Jetzt schenkst du deine Top-10 Plazierung in der Altersklasse her‘, sagt die motivierende Stimme in mir. ‚Mir doch egal, fuck the Top-10. Für Hawaii reicht’s sowieso nicht‘, nörgelt die pessimistische Seite. Ich versuche, mich an richtig be...scheidene Trainingsmomente zu erinnern: 35 Kilometer-Lauf bei strömendem Regen und 5 Grad. 170 Kilometer gegen den Wind – bei 7 Grad. Kraftausdauer-Training am Schäftlarner Berg bei leichtem Schneefall.

Auf dem Rad ging es mir zu gut, da brauchte ich diese „Trostgedanken“ nicht. Jetzt geht es mir bereits zu schlecht. Ich will nur noch an den Straßenrand sitzen. Die Bedingungen fordern ihren Tribut. Hinterher bei der Siegerehrung wird der Veranstalter von den „toughest conditions in our history“ sprechen. Mehr als 100 Athleten werden das Rennen aufgeben.

Mir kommt eine Aufgabe NIEMALS in den Sinn. Ich werde finishen, das ist klar – das bin ich meinen „Fans“ und mir schuldig. Nur wird es heute vielleicht etwas länger dauern.

Irgendwie schaffe ich es zum letzten Wendepunkt, mehr gehend als laufend. Dann werde ich bei Kilometer 35 auch noch von meinem „Holger“ (siehe die Newsletter von Marathon-Trainingspapst Greif) überholt – einem etwas eigenwilligen Kollegen, der zwar radfahren, aber ganz bestimmt nicht laufen kann. Das ist zuviel. Das Huhn beginnt wieder zu flattern, über die letzten Kilometer gelingt gar wieder ein halbwegs solider Flug. Bei Kilometer 39, wo die Radstrecke auf die Uferpromenade trifft, trudeln immer noch Biker ein. ‚Heiliger Strohsack‘, denke ich, ‚die haben den ganzen ätzend-langen Marathon noch vor sich. Die armen Schweine.‘
Der letzte Kilometer kommt, jetzt geht es bergab Richtung Ziel. Da stehen schon meine Kinder, die mich auf den letzten Metern, ausgestattet mit Deutschland- und Bayern-Flagge, begleiten werden. Ich genieße das Geschrei der Zuschauer, klatsche Hände ab, will das ganze Unterfangen gleichzeitig endlich hinter mich bringen als auch noch etwas hinauszögern. 30 lange Wochen der Vorbereitung spulen sich im Zeitraffer vor meinem geistigen Auge ab und verdichten sich in diesem einen Moment. Jetzt ist wieder alles gut. Mit großer Freude, Erleichterung und Stolz überqueren wir die Finishline. Der Adler hat Federn gelassen, aber er ist gelandet. Ich bin ein Ironman Lanzarote-Finisher.