
Als Taylor Knibb bei km 39 des Marathons über den Queen Kaahumanu Highway taumelte und sich völlig apathisch auf den glühend heißen Asphalt setzte, da wurden Erinnerungen an das Jahr 1995 wieder lebendig, als die damals siebenmalige Hawaii-Siegerin Paula Newby-Faser auf dem Alii Drive ein ähnliches Schicksal ereilte. Knibb erlitt einen Hitzekollaps und musste das Rennen in Führung liegend aufgeben.
Taylor Knibb war zusammen mit der Britin Lucy Charles-Barclay über mehr als acht Stunden die bestimmende Athletin des Rennens. Zunächst war es beim Schwimmen in der Bucht von Kailua-Kona die Britin, die sofort eine Soloflucht lancierte und im nach einem starken morgendlichen Regenguss noch deutlich aufgewühlten Pazifik schnell eine Lücke zu den weiteren schwimmstarken Athletinnen riss. Nur Knibb versuchte sich anfangs als alleinige Verfolgerin, bevor sie von der Verfolgergruppe wieder geschluckt wurde.
Charles-Barclay first out of the water
Nach 49:29 min kam Charles-Barcley aus dem Wasser und blieb dabei aufgrund der tückischen Schwimmbedingungen klar über ihrem eigenen Kursrekord (48:13/2018). Als erste Verfolgerin folgte ihr die US-Amerikanerin Haley Chura (50:59 min) in die T1 auf den Pier. Mit in der ersten zwölfköpfigen Gruppe vertreten: Taylor Knibb und ihre Landsfrau Chelsea Sodaro. Die Siegerin von 2023 sollte das Rennen später auf der Radstrecke aufgeben. Laura Philipp kam auf Rang 26 nach 55:54 min in einer größeren Gruppe aus dem Wasser, in der auch ihre große Gegenspielerin Kat Matthews vertreten war, mit der sie sich beim IRONMAN Hamburg und bei der IRONMAN WM in Nizza ein Duell um den Sieg geliefert hatte. In der Gruppe ebenso mit dabei war die Österreicherin Lisa Perterer.
Knibb geht in Führung, Charles-Barclay erhält Littering-Penalty
Auf dem Rad hielt Charles-Barclay auf dem Hinweg nach Hawi lange Zeit um die zwei Minuten Vorsprung auf Knibb. Die Gruppe um die Titelverteidigerin Laura Philipp schlug anfangs ein ähnlich schnelles Tempo an. Im Anstieg nach Hawi fuhr Knibb dann mit viel Power die Lücke zur Führenden Charles-Barclay zu. Das von den beiden Spitzenathletinnen angeschlagene Höllentempo führte dazu, dass die Verfolgerinnen am Wendepunkt in Hawi schon einen deutlichen Rückstand hinnehmen mussten. Allerdings machte schon dort Solveig Lovseth auf sich aufmerksam. Die Norwegerin hatte sich von der Philipp-Gruppe gelöst und war nun die alleinige Verfolgerin des Spitzenduos.
Als Charles-Barclay auf dem Rückweg eine etwas zweifelhafte Zeitstrafe für Littering erhielt (ihr war eine Flasche außerhalb der Littering-Zone aus dem Flaschenhalter gerutscht) und diese im Penalty-Zelt in Waikoloa absaß, war Knibb urplötzlich auf den finalen 40 Radkilometern allein in Führung.
Lovseth die dritte Kraft – Philipp und Matthews verlieren viel Zeit
Weiterhin stark präsentierte sich Lovseth, die keine Zeit auf Knibb verlor und auf den finalen 20 Radkilometern sogar noch etwas Zeit wettmachen konnte. Davon war die Philipp-Gruppe, in der neben der deutschen Topfavoritin nur noch Matthews, Perterer, Jocelyn McCauley (USA) und Hannah Berry (NZL) vertreten waren, weit entfernt. Ihr Rückstand sollte bis in die T2 bis auf 14 min anwachsen.
Das Marathon-Drama beginnt
Vorne wechselte Knibb mit 1:43 min Vorsprung auf Charles-Barclay in den Marathon. Lovseth lag +5:44 zurück. Auf dem Alii Drive machte die Britin den besten Eindruck und hatte auf dem Rückweg vom ersten Wendepunkt bald die Führende im Blick. Nach 12 km im gefürchteten Palani Road-Anstieg kam es zum Führungswechsel. Charles-Barclay gab Knibb dabei einen etwas überheblichen Klaps. Denn die US-Amerikanerin war alles andere als geschlagen. Auf dem Queen K-Highway schloss sie die kleine Lücke wieder und für kurze Zeit liefen die beiden Brust an Brust – Erinnerung an Dave Scott gegen Mark Allen oder Andi Raelert gegen Chris McCormack wurden wach.
Die Realität sah aber schnell anders aus. Charles-Barclay musste an einer Aidstation eine Gehpause einlegen. Die Siegerin von 2023 lief zwar schnell wieder an, aber es war deutlich erkennbar, dass ihr die Hitze extrem zusetzte. Dieses Spiel wiederholte sich bis ins Energy Lab mehrmals. Durch die Gehpausen war Knibb schon über eine Minute enteilt und von hinten kam zudem Lovseth mächtig auf. Am schnellsten in den Laufschuhen war allerdings Kat Matthews unterwegs, die sich bereit vor dem Palani Road-Anstieg von Laura Philipp gelöst hatte.
Charles-Barclay wird vom Ehemann aus dem Rennen genommen
Nachdem der Schritt von Charles-Barclay auf dem Rückweg aus dem Energy Lab immer kürzer wurde, sorgte dann ihr Ehemann Reece Barclay für ein vorzeitiges Ende des sich ankündigenden Dramas. Er ließ seine Frau nicht mehr weiterlaufen, die weinend in seinen Armen versank.
Das Podium schien ausgangs des Energy Labs gemacht. Knibb lag 10 km vor dem Ziel gut dreieinhalb Minuten vor Lovseth und fast acht Minuten vor Matthews. Während der Schritt der US-Amerikanerin immer mehr an Dynamik verlor, sah Lovseth weiterhin richtig gut aus und es schien dabei fast ein Lächeln über das Gesicht der 26-Jährigen aus Trondheim zu huschen. Schnell schrumpfte der Vorsprung nun auf unter zwei Minuten zusammen. Knibbs Manager versuchte es noch mit dem Psycho-Trick – „es sind nur noch zehn 400 m Runden auf der Bahn“ – aber es half alles nichts. Knibb verfiel an einer Aidstations ins langsame Wandertempo. Ein letzter Anlaufversuch, ein paar taumelnde Schritte, dann saß sie wie ein Häufchen Elend am Straßenrand.
Führungswechsel bei km 39
Und die verdutzte Solveig Lovseth lag drei Kilometer vor dem Ziel als Kona-Rookie urplötzlich in Führung. Doch auch bei der Norwegerin ging es jetzt schwer über den finalen Anstieg hoch zur Abzweigung an der Palani Road. Ganz anders sah es bei Kat Matthews aus. Die 34-Jährige flog leichtfüßig über den Asphalt und sollte in 2:47:23 Stunden den bisherigen Laufstreckenrekord von Anne Haug (2:48:23/2023) um exakt eine Minute unterbieten. Eine Gehpause hätte sich Solveig Lovseth nicht mehr leisten können, die sich auf Höhe des Banyan-Baums 300 m vor dem Ziel erstmals abklatschen ließ.
Solveig Lovseth: „Ich durfte nur nicht explodieren“
Am Ende waren es nur 35 Sekunden, die die erste norwegische IRONMAN-Weltmeisterin und die zweitplatzierte Kat Matthews trennten. Nur zweimal war es knapper in der bisherigen IRONMAN-Geschichte: 1982 lagen zwischen der Siegerin Kathleen McCartney und Juli Moss nur 29 Sekunden, 1983 waren es 33 Sekunden zwischen Dave Scott und Scott Tinley. „Es war schwer, das zu begreifen. Ich hatte nicht das beste Schwimmen, aber ich hatte das Gefühl, dass ich ruhig geblieben bin. Auf dem Rad fühlte ich mich wirklich gut und konnte es nicht wirklich glauben, als ich den Lauf begann. Aber der Lauf war von Anfang an sehr hart, ich wusste wirklich nicht, ob ich es bis zur Ziellinie schaffen würde. Ungefähr auf halber Strecke fing ich an, mich etwas besser zu fühlen, was unglaublich ist, denn das hatte ich wirklich nicht erwartet. Ich habe die ganze Zeit versucht, die Ruhe zu bewahren. Es tut mir wirklich leid für Taylor und Lucy Es war nicht die Art und Weise, wie ich sie überholen wollte. Zum ersten Mal wurde mir klar, dass ich das gewinnen kann, wenn alles gut läuft. Der Gedanke schoss mir durch den Kopf und als ich dann an Taylor vorbeiging, wurde mir klar, dass ich eine Chance hatte, ich durfte nur nicht explodieren,“ sagte Solveig Lovseth nach ihrem Sieg.
Laura Philipp: „Der härteste Tag, den ich jemals gemacht habe“
Durch das dramatische DNF von Taylor Knibb lief Laura Philipp plötzlich doch noch auf einem Podiumsplatz die Palani Road herunter Richtung dem erlösenden Ziel, die anschließend ihr Rennen im ARD-Sportschau-Interview so einordnete: Das war für mich persönlich der härteste Tag, den ich jemals gemacht habe. Ich hatte eigentlich richtig Spaß beim Schwimmen und kam da ganz gut raus. Dann wurde es nur noch härter und härter. Es war so superwarm, ich wurde einmal richtig durchgekocht heute. Ich bin froh, dass ich mein Ding gemacht habe, denn was da draußen heute passiert ist, das gab hier noch nicht so oft in einem Rennen. Am Ende ist ein Teil vom Pacing, dass man sich das Rennen so einteilt, damit man es bis an die Finishline schafft. Ich hatte viele schwere Momente und ich bin stolz das ich immer bei mir geblieben bin. Danke an mein Team, die mich den ganz Tag supportet haben.“
Lisa Perterer als Kona-Rookie auf Rang fünf
Hinter der entthronten WM-Titelverteidigerin lief die Neuseeländerin Hannah Berry auf Rang vier, die sich nach der 30 km-Marke an der Österreicherin Lisa Perterer vorbeischieben konnte. Perterer brachte bei ihrem ersten Kona-Auftritt ihrerseits Rang fünf sicher nach Hause und zog damit mit Kate Allen gleich, die mit ihrem fünften Platz im Jahr 2005 bisher die bestplatzierte Österreicherin beim IRONMAN Hawaii war.
Leonie Konczalla gelingt sensationelle Aufholjagd und läuft in die Top Ten
Top unterwegs war auch Leonie Konczalla, die mit einem 3:02er Marathon noch bis auf Rang neun nach vorne lief. Die Hamburgerin, vor zwei Jahren auf Rang 24, legte eine grandiose Aufholjagd hin. Von Rang 51 nach dem Schwimmen ging es auf Rang bis auf Platz 23 nach vorne, wo sie weitere 14 Platzierungen gut machen konnte.












