Praxistest: Lightweight Zeitfahrset VR8 und Disc

H. Eggebrecht für tri2b.com am 24.07.2011 - 14:11 Uhr
Was haben Ironman-Profi Andreas Raelert und Tour de France-Sieger Cadel Evans gemeinsam? Auf den ersten Blick sind sie mit dem gleichen Zeitfahrrad ihres Schweizer Ausrüsters und Sponsors BMC unterwegs. Doch auch bei der Laufradwahl gibt es Gemeinsamkeiten. Sowohl bei Raelerts Rekordfahrt in Roth, als auch bei Cadel Evans kam im entscheidenden Zeitfahren der Tour das neue Lightweight-Scheibenrad zum Einsatz. Wir haben die 780 Gramm leichte Lightweight-Disc und das futuristisch anmutende VR8-Vorderrad mit 53 mm Felgenhöhe einem Praxistest unterzogen und auch Stimmen bei Constantin Bachor eingeholt, der mit diesem Setup beim diesjährigen Ironman Lanzarote für Furore sorgte.

Schon beim Eintreffen der Laufräder zeigte eine Alltagssituation, dass bei Lightweight der Name Programm ist. Unser Nachbar, der freundlicherweise das Paket entgegen nahm, fragte schon zweimal nach, ob da wirklich zwei komplette Laufräder drin wären. Zu leicht kam ihm der große Karton vor.

Das Setup:
Das Lightweight VR8-Vorderrad wurde in unserem Test mit den Continental-Schlauchreifen Podium (VR8) und Competition (Dics) in jeweils 19 mm Breite gefahren. Als Rad diente für die Testfahrten das Scott Plasma Premium 3.



Die Testfahrten:
Die Testfahrten wurden in wettkampfnahen Trainingseinheiten durchgeführt, z.B. 45-60 min. im Bereich knapp unter der individuellen anaeroben Schwelle, Intervalle in Wettkampfintensitäten, z.B. 6x 5 min. bis in den Entwicklungsbereich , lange Intervalle über 3-4 x 15-20 min. im Schwellenbereich. Außerdem kam der Laufradsatz beim einem Zeitfahren zum Einsatz.


Mit Scheibe am Mirador del Rio
Foto: Mit Scheibe am Mirador del Rio
Rechte: www.triaphoto.com

Konstantin Bachor (2. Ironman Lanzarote 2011)

Bremsverhalten: Mir wurde immer gesagt, dass man mit Lighweights nicht gut bremsen kann. Das Gegenteil ist der Fall! Am Vorderrad kann man richtig reinhauen, sehr gut zu dosieren, mit den Lightweight-Original-Bremsbelegen. Zumal man auf Lanzarote gar nicht so viel bremsen muss. Im Regen hab ich sie nicht getestet. Ich habe mich sehr sicher gefühlt auf Lanzarote und kann mir nicht vorstellen, dass ich mit einer Alubremsflanke in den Abfahrten schneller gewesen wäre.


Wind:
Am Wettkampftag hatten wir angenehme 4-5 Windstärken und Böen bis 70km/h, also schon ordentlich!! Einige habe mich vor dem Wettkampf als "verrückt" erklärt, ich war meiner Sache aber sehr sicher, weil ich am windigsten Tag des Skintfit 2 Camps auf Fuerteventura mit dem Setup trainierte - bei Windstärke 6 - 7. Bei Wind ist eine Scheibe ja gerade im Vorteil zu normalen Aerolaufrädern. Wichtig ist, dass man vorne ein nicht allzu hohes Felgenprofil fährt. Das VR8 war genau richtig. Man muss dazu sagen, dass ich in der Abfahrt vom Timanfaya Nationalpark, deutlich über 80 Sachen drauf hatte und als mich dann der Wind hinter dem Felsvorsprung von der Seite erwischt hatte, dachte ich, dass es jetzt aus sei, aber es ist nichts passiert. Man muss auf jeden Fall mit Scheibe und Wind im Training üben.


Gewicht:
Der ganz große Vorteil des Lightweight-Setups ist natürlich das Gewicht für Strecken wie Lanzarote. Es gibt sehr, sehr schnelle Passagen, wo die Aerodynamik von einer Scheibe und der geringen Speichenzahl im Vorderrad Vorteile bietet. Am Berg zählt aber auch das Gewicht und die Scheibe wiegt inklusive Kranz und Schlauchreifen unter 1200g, das gibt´s nirgendwo anders. Und zu guter letzt natürlich der Blick der anderen Athleten. Lightweight ist doch ein sehr begehrenswertes Laufrad unter den Triathleten.


Die Fahreindrücke:
Den ersten Aha-Moment gab´s schon beim ersten schnellen Beschleunigen. Vorderrad und insbesondere die Scheibe gaben auch bei harten Antritten nicht nach. Scheinbar mühelos kommt man so nach engen langsam gefahrenen Kurven wieder in das Zeitfahrtempo. Und dies ist auch das Stichwort: Im wirklich höheren Tempo ab ca. 35-40 km/h merkt man deutlich die aerodynamischen Vorteile. Rollte das Rad erst einmal richtig schnell, dann erscheint der gefühlte Kraftaufwand geringer, das Tempo auch aufrecht zu erhalten. Gut spürbar war dies im Terrain mit leichten Kuppen, die beim Zeitfahren normalerweise – die richtigen Beine vorausgesetzt – einfach weggedrückt werden. Der Fahrkomfort ist eher als „sportlich“ zu beschreiben. Die steifen Laufräder verbunden mit den nur 19 mm breiten Conti-Reifen schlucken Bodenunebenheiten verständlicherweise eher schlecht weg. Für lange Wettkampfstrecken (z.B. Ironman) wäre deshalb die etwas weniger aerodynamische, aber sicher komfortablere und auch pannensichere Variante mit 22 mm Reifenbreite zu empfehlen.

Bei Vollcarbon-Laufrädern mit hohem Profil und Scheibenrädern stellt sich natürlich auch immer die Frage nach dem Bremsverhalten und der Seitenwindanfälligkeit. Bei trockenen Straßenverhältnissen – die Regeln fürs Bremsen auf Carbon-Laufrädern beachtend vorausgesetzt (kurze harte Bremsintervalle) – ließen sich VR8 und Disc einwandfrei bremsen. Bei Nässe schaut das ganze differenzierter aus. Bei leichtem Regen bzw. bei normal nassem Straßenbelag war der Bremsgripp nach kurzem Anbremsen immer noch ausreichend gut und kontrollierbar. Bei einer Fahrt im Starkregen war das Bremsverhalten im gefühlten Vergleich zum Bremsen auf Aluflanken deutlich unsicherer und stark gewöhnungsbedürftig. Beim Verhalten im Wind zeigte sich aus aerodynamischen Gesichtspunkten sehr deutlich, dass eine stärkere seitliche Anströmung zum wahren Segelturn werden kann. Die Praxiseindrücke deckten sich ganz klar mit diversen Windkanaltest-Ergebnissen, die aufzeigten, dass Seitenwind einen zusätzlichen Antrieb für die Discs erzeugen. Selbst bei stärkerem nicht allzu böigem Wind war das Rad noch gut kontrollierbar und konnte auch in Aeroposition gefahren werden. Probleme gab es allerdings bei sehr starken Windböen, die uns einmal am Rand einer Gewitterfront erwischten. Unter diesen Bedingungen war echte Steuerkunst gefragt und einem auch schnell klar, warum beim Ironman Hawaii mit den teilweise extrem böigen Mumuku-Winden Scheibenräder nicht erlaubt sind. Als Alternative für die Disc könnte in so einem Fall dann aus dem Lightweight-Sortiment als Hinterrad das Obermayer oder die Standard-Ausführung mit 20 Speichen und 53 mm Felgenhöhe dienen.

Das tri2b.com-Fazit:

Pro-Tour Radteams wie Leopard Trek, BMC und auch RadioShack vertrauen beim Kampf gegen die Uhr auf die schwarze Carbon-Disc vom Bodensee. Und das alles ohne Sponsoring - auch die besten Profiradteams erwerben die Lightweight-Laufräder käuflich. Der wohl beste Beweis, dass die filigranen Carbon-Laufräder aus der Lightweight-Schmiede an Funktion zum Besten gehört, was auf dem Markt zu bekommen ist. Unsere Testfahren bestätigen auch eindrucksvoll, dass es sich bei VR8 und Disc um Material auf höchstem Profiniveau handelt. Kompromisslos für den Kampf um Sekunden getrimmt - auf höchstem Leistungsniveau. Deshalb ist dieses Aero-Set vor allem leistungsstarken Triathleten auf mittleren und längeren Wettkampfdistanzen zu empfehlen, die über die nötige Fahrtechnik verfügen und auch ihr Material-Setup voll ausreizen wollen. Die aerodynamischen Vorteile einer solchen Laufradwahl sind schließlich erst jenseits von 35 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit deutlich messbar. Dass solch exquisites Material auch seinen Preis hat, erklärt sich von selbst. Neben den wirklich messbaren Zeitvorteilen ist das Lightweight VR8 und die Disc aber auch ein echter Eye-Catcher für das Zeitfahrrad.

Steckbrief:
VR8-Vorderrad 1.460,00 €
-8 Speichen
-650 Gramm
-Felgenbreite 20mm/Schlaufreifen
-Felgenhöhe 53 mm
- bis 90 kg Systemgewicht (Fahrer + Rad)

Disc 2.380,00 €
-Voll-Carbonscheibe
-780 Gramm
-Felgenbreite 19,5 mm/Schlauchreifen
-kompatibel mit Campagnolo, Shimano, SRAM
- bis 100 kg Systemgewicht (Fahrer + Rad)

Setpreis 3.840,00 €
Weiterführende Informationen:
Website von Lightweight-Laufrädern
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