aerycs Superlight MiG 78/78: Höher, schneller und leichter – der Praxistest

von Harald Eggebrecht für tri2b.com | 31.01.2022 um 13:19
Eine hervorragende Aerodynamik, ein möglichst geringes Gewicht und ein berechenbares Handling bei windigen Verhältnissen. Das sind die drei Eigenschaften, die ein Top-Aerolaufrad bestmöglich vereinen soll. Der deutsche Laufradhersteller aerycs hat dazu seine Superlight MiG Serie weiter ausgebaut und einen neuen 78 mm hohen Aerolaufradsatz herausgebracht. Das Besondere daran. Die Entwicklung, Produktion und Montage findet komplett in Deutschland statt – wofür auch das MiG in der Produktbezeichnung steht: Made in Germany.

Nachdem aerycs bereits schon seit einiger Zeit seine Superlight MiG-Laufräder mit niedrigeren Felgenhöhen angeboten hatte, kam jetzt noch das ganz hohe Felgenprofil dazu. Durch das geringe Gewicht sollen sich die Hochprofil-Laufräder auch bestens für wellige bis bergige Zeitfahren eignen. Das Herzstück der aerycs Superlight MiG 78/78 ist die vom Munich Composites produzierte Carbonfelge. Die in Putzbrunn bei München ansässige Firma gilt als Spezialist in Sachen Faserverbundwerkstoffe und ist u.a. auch als Zulieferer für die Luftfahrt- und Automobil-Branche tätig. Bei der Fertigung kommt eine spezielle Flechttechnologie zum Einsatz, die in Kombination mit dem Harzinjektionsverfahren eine besonders leichte Felgenbauweise ermöglicht. Das reine Felgengewicht liegt laut aerycs bei nur 590 g.

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In der Disc-Version wird die Felge mit DT Swiss AeroLite Speichen in eine NEWMEN Fade straightpull Nabe eingespeicht. Die ebenfalls in Deutschland produzierten Naben zeichnen sich durch einen eher leisen Freilauf aus. Drei Speerklinken sollen für eine großflächige und damit schonende Kraftübertragung sorgen.

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Die von uns getestete Version ist aber nur eine von vielen Konfigurationsmöglichkeiten. aerycs bietet seine Superlight MiG-Serie im Baukasten-System an. Dazu gibt es auf der aerycs-Website einen Laufrad-Konfigurator .

 

Unser Testsetup

 

Wir sind die aerycs Superlight MiG 78/78 Laufräder mit Continental Grand Prix 5000 in 25 mm Breite gefahren, die durch die eher schmale Innenmaulweite (18 mm) auch echte 25 mm Reifenbreite bedeuteten. Als Schlauch war ein Conti Race Light montiert. Gebremst wurde auf Shimano Dura Ace-Scheiben. Die Reifenmontage, sowohl rauf und runter, ging superleicht von der Hand. Das Aufziehen gelang uns sogar ohne Reifenheber.  

Auffallend war bei unserem Testsatz die deutlich sichtbare matt schimmernde Carbonfaserstruktur, die einen gewissen „Handemade“-Touch vermittelte. Laut aerycs sind die nun in den Verkauf kommenden Laufräder mit einer Klarlackschicht überzogen, was die Carbonstruktur etwas dezenter erscheinen lässt.

 

Unser Praxistest

 

Der bis auf den Zahnkranz und die Bremsscheiben fertig montierte Laufradsatz kam mit einem einwandfreien Rundlauf aus dem Versandkarton. Speichen nachjustieren, was bei den innenliegenden Nippeln auch eine Demontage des Reifens und des Felgenbandes nötig machen würde, war während des gesamten Testzeitraums nicht nötig. So konnte es nach dem obligatorischen Ausrichten der Bremsscheiben auch schon losgehen.

Hohe Felgen vermitteln rein visuell durch ihre wuchtige Erscheinung immer eine gewisse Trägheit. Die ersten Antritte widerlegten dann aber sehr schnell dieses Vorurteil. Dass für eine 78er Felgenhöhe wirklich sehr geringe Gewicht – viele namhafte Premiumhersteller bringen mit ihren Vergleichsprodukten einiges mehr auf die Waage – sorgte für eine direkte Beschleunigung. Ähnlich angenehm fiel auch der „Rampentest“ an den steilen Schnappern jenseits der 10 % auf der Hausrunde aus. Das Gefühl, beim Übergang in den Wiegetritt „zu stehen“, war nicht wirklich zu spüren. Beim Kletterverhalten ähneln die Laufräder durchaus flacher ausfallenden Felgenvarianten. Hinsichtlich gespürter Seitensteifigkeit gab es bei  70 kg Fahrergewicht und durchaus harten Antritten absolut nichts zu meckern.

Die für die meisten wohl interessanteste Frage: Wie segelt es sich mit den aerycs Superlight MiG 78er Wheels? Hier war eine komplette Gardasee-Umrundung die Testumgebung. Die tageszeitlich unterschiedlich blasenden thermischen Winde sorgen dort auf gut 140 Kilometern fast immer für ein ordentliches Lüftchen, mal schön schiebend von hinten, mal unberechenbar von der Seite oder auch mal stramm von vorne.

Um den Lago di Garda gesurft  - © tri2b.com

Bei unserer Giro del Lago di Garda schlugen sich die 78er Felgen bravourös. Im seitlich von hinten kommenden Peler Nordwind wurde die Strecke entlang der Westküste mit seinen vielen Tunnelpassagen zum Roadsurfen und man fühlte sich fast ein wenig wie die auf dem Lago über die Schaumkäme hüpfenden Surfer mit ihren bunten Segeln. Der Schnitt war trotz moderater Fahrweise schnell über 30 km/h.  Leider fiel dann jahreszeitlich bedingt der von Süden wehende Ora Südwind eher mau aus. Der Wind kam gefühlt jenseits der 100 Kilometermarke – wie so oft – von vorne. Hier spielte dann die Aerodynamik der hohen aerycs-Wheels einmal mehr ihre Vorteile aus.  Trotz immer müder werdenden Beinen sah es so lange richtig gut aus, den 30er Schnitt auch nach Hause zu bringen. Am Ende waren es „nur“ 29,7 km/h und die Gewissheit, dass die Superlight MiG 78er richtig gut rollen und auch bei den Gardasee-Winden gut beherrschbar sind.

Dass die hohen aerycs-Felgen aber auch an ihre Grenzen kommen können, mussten wir bei einer Winterausfahrt mit einsetzendem Föhnsturm erfahren. Bei extrem böigen Windverhältnissen wurde dann auch das Lenkmoment der 78er aerycs-Felgen stellenweise unberechenbar. Hier wäre definitiv ein flacheres Felgenprofil am Vorderrad besser gewesen. aerycs bietet mit seinem Konfigurations-System auch die Möglichkeit die vier Felgenhöhen (35/45/62/78 mm) von Vorder- und Hinterrad beliebig zu kombinieren. Eine definitiv gute Option für weniger versierte Aero-Piloten.

Windtest im Allgäuer Föhnsturm  © tri2b.com

 

Unser Testfazit

 

Uns hat der neue aerycs Superlight MiG 78/78 Laufradsatz von den Fahreindrücken überzeugt. Das Konzept auf „Made in Germany“ zu setzen ist gerade in der aktuellen Situation mit den Lieferengpässen aus Fernost ein Weg in die richtige Richtung. Und beim handwerklichen Erscheinungsbild sieht man deutlich, dass in Ellerau nördlich von Hamburg was vom Laufradbau verstanden wird. Gerade Triathleteninnen und Triathleten, die ihr TT-Setup für Streckenführungen mit etwas mehr Höhenmetern optimieren wollen, sollten sich den mit  1.599.- € preislich im Mittelfeld bewegenden aerycs-Neuzugang der Superlight MiG-Kollektion mal etwas genauer ansehen.

 

 

Technische Details

Hersteller aerycs
Modell Superlight MiG 78/78 Disc (Tubeless ready)
empf. VK Preis in EuroSatz: 1.599.- €
Gewicht Satz 1718 g (VR 799 g/HR 919 g)
Speichen DT Swiss AeroLite -innenliegenden Alunippel - vorne/hinten je 24
Naben Newmen Fade Road Disc straigtpull
Freilauf wahlweise Shimano/Sram 9-12fach, Sram XDR, Campagnolo N3W
maximale Felgenbreite 28 mm
Innenmaulweite 18 mm
Felgenhöhe 78 mm (VR), 78 mm (HR)
max. Systemgewicht 105 kg
Lieferumfang Laufradsatz inkl. 2 tubeless Felgenbänder/ 2 Tubeless-Ventile & Dichtmilch
Garantie dreijährige Aerycs-Garantie
Crash-Replacement Ja
Website aerycs.de

Bewertung

Preis/Leistungsverhältnis - +
Verarbeitung - +
Rundlauf - +
Bremsverhalten - +
Gewicht - +
Fahr- und Lenkverhalten bei Seitenwind - +
Händler/Service-Netz - +

Fotoserie: Aerycs Superlight MiG 78/78