Der Weg zum Super-Frodo: Die Triathlon-Karriere des Jan Frodeno

von Harald Eggebrecht für tri2b.com | 26.10.2015 um 19:29
Jan Frodeno ist der Hawaii-Champion 2015. Vieles ist und war anders im Vergleich zu den bisherigen deutschen Ironman Hawaii-Siegern - und nicht nur weil Frodeno es als erster Triathlet der Geschichte geschafft hat, sowohl Olympiagold zu gewinnen als auch in Kona den Thron zu besteigen. Allein schon von der Erscheinung her: Jan Frodeno ist 1,95 Meter groß und könnte gut und gerne auch als Hochspringer durchgehen. Außerdem ist er mit seinen 34 Jahren der bis dato älteste deutsche Sieger am Alii Drive und hat wiederum in nur zwei Saisons Langdistanztriathlon den Sprung nach ganz oben auf das Siegerpodest geschafft. Diese Unterschiede gegenüber einem Thomas Hellriegel, Normann Stadler, Faris Al-Sultan und Sebastian Kienle dürfte vor allem Statistikfreunde interessieren, anders sieht es mit den Karrierezielen aus.

Während Kienle und Co. schon früh als Traumziel für ihre Triathlonkarriere den Hawaii-Sieg angepeilt hatten, war bei Frodeno das Thema Ironman ganz lange in ganz weiter Ferne. So ließ er sich 2008 nach seinem Olympiasieg in einem Bildzeitungs-Interview zu einer Aussage hinreißen, die im Anschluss die Welt der Triathlon-Insider spaltete. "Der Ironman ist ein Kampf gegen sich und die Elemente. Ich kämpfe gegen Konkurrenten. Vier Mann auf der Zielgerade wird es beim Ironman nie geben. Der reizt mich überhaupt nicht. Den bestreiten meist nur gescheiterte Kurzstreckler.“ Das Zitat war vom plötzlich im Rampenlicht stehenden Frodeno sehr unglücklich formuliert, zeigte aber seine damalige Einstellung, dass Triathlon für ihn gleich Kurzdistanztriathlon ist, mit dem Kampf um Zentimeter und Sekunden im Highspeed-Bereich ist. Nicht mehr und nicht weniger.

 

Zum Olympiasieg als Außenseiter

 

Der am 18. August 1981 in Köln geborene Jan Frodeno ist mit dieser Form des Triathlon groß geworden. In den 90er Jahren wuchs er in Südafrika auf und kam dort über den Schwimmsport nach der Jahrtausendwende zum Triathlon. Die Bilder der Triathlon Olympia-Premiere in Sydney im Jahr 2000 sorgten für den entscheidenden Motivationsschub zu den ersten Triathlonversuchen. Zwei Jahre später gab es das Debüt in der Triathlon-Bundesliga, 2004 folgte der U23-DM-Titel und im Anschluss WM-Silber auf der Atlantikinsel Madeira. Fortan hieß Frodenos Ziel Peking 2008. Ein Startplatz bei Olympischen Spiele im Reich der Mitte war das Ziel. Die Durchgangstationen waren 2007 zuerst EM-Silber in Kopenhagen und der DM-Sieg in München. Dann folgte in Hamburg die erste Triathlon-WM auf deutschen Boden. Daniel Unger rang Javier Gomez nieder und Jan Frodeno holte sich als starker Sechster das direkte Peking-Ticket. Doch Weltmeister Unger stand nun im Medien-Fokus.

Frodeno, (Es ist natürlich vorteilhaft, wenn mein Telefon in der Stunde nicht hundertmal klingelt, sondern vielleicht nur zweimal) konnte sich hingegen deutlich ruhiger auf Olympia vorbereiten. Diese Rangordnung verfestigte sich im Vorfeld von Peking, als Unger Frodeno jeweils bei der DM und beim Weltcup in Hamburg hinter sich ließ. Am 19. August 2008 aber war im Pekinger Vorort Changping alles anders. Jan Frodeno hatte von allen die besten Beine und lief als Außenseiter in einem Sprintfinale zum Olympiasieg.

 

 

Holzmedaillen in der World Triathlon Series, Burnout und Emma

 

"Jeder wird den Olympia-Sieger schlagen wollen", war eine der Aussagen in einem damaligen tri2b.com-Interview. Im Jahr Eins nach dem Olympiasieg wurde die ITU World Triathlon Series eingeführt. Frodeno wurde in der Endabrechnung Vierter und ging 2010 als Führender in das letzte Saisonrennen in Budapest. Im kühlen Budapester Regen brach er im abschließenden Lauf total ein, verspielte alles und wurde wieder Vierter in der WM-Endabrechnung. Kurz davor hatte sich Frodeno öffentlich zu einem Burnout bekannt - kurzfristig wollte er damals "alles hinschmeißen." Zur gleichen Zeit war Olympiasiegerin Emma Snowsill, seine heutige Ehefrau, erstmals an seiner Seite gesichtet worden.

2011, in der vorolympischen Saison, kehrte Frodeno zwar zurück, die Erfolge der Vergangenheit wollten sich aber nicht mehr einstellen, stattdessen plagten ihn Verletzungsprobleme. Trotz allem holte er sich im Londoner Olympiatest die Quali für die 2012er Spiele - und entschied sich zu einem Start bei der Xterra-WM auf Maui.

 

 

Sofort verzaubert vom Flair des Ironman

 

Dieser Umstand und Sponsoring-Termine seines damaligen Radausrüsters Specialized brachten Frodo als Zaungast erstmals nach Kona zum Ironman Hawaii. Vor Ort war er sofort sichtlich angetan vom Ironman-Rummel und einen Wechsel auf die längeren Triathlonstrecken schloss er, nach der 2012er Olympiasaison, nicht mehr aus. Auch im Olympiajahr ging für ihn in der World Triathlon Series nicht viel zusammen. Umso überraschender war sein Olympia-Auftritt im Londoner Hydepark: Frodeno wurde ganz starker Sechster, musste aber auch anerkennen, dass die Brownlee-Brüder und Javier Gomez im Laufen in den entscheidenden Momenten eine Klasse besser sind.

2013 war ein Übergangsjahr. Frodeno startet letztmals in einigen Rennen der World Triathlon Series, gewann in Hamburg mit dem DTU-Team WM-Gold in der Mixedstaffel und wagte sich beim Ironman 70.3 in Wiesbaden erstmals an die Triathlon-Mitteldistanz. Er wurde Zweiter und nur ein vertauschter Wechselbeutel verhinderte wohl einen Premierensieg. Kurzfristig ging es dann noch zur 70.3-WM nach Las Vegas. Auch dort lag er top im Rennen, doch während Sebastian Kienle die Titelverteidigung gelang, musste er wegen Achillessehnen-Problemen beim Laufen aufgeben.

 

Platte Reifen, Penalty und Krämpfe - nichts kann Frodo aufhalten

 

Es kam die Frage auf, ob Frodeno insbesondere im Laufen den Belastungen der langen Triathlondistanzen gewachsen ist. Zumindest für die Mitteldistanz kam im Frühjahr 2014 postwendend die sportliche Antwort in der Form von drei Ironman 70.3-Siegen in Serie. Doch wie wird es bei der vollen Ironman-Distanz ausschauen? Nach der Premiere und Rang drei in Frankfurt war eines klar: Frodeno ist körperlich und vor allem mental den Anforderungen eines Ironman auf Weltklasseniveau mehr als gewachsen. Drei platte Reifen und Krämpfe beim Laufen brachten ihn nicht aus der Ruhe. Statt dem früher verbissenen Kampf um Sekunden auf der Kurzdistanz, war plötzlich Ruhe, Abwarten und Beharrlichkeit angesagt. Das Spiel wiederholte sich bei der Kona-Premiere im Oktober - wieder platter Reifen, Penalty und trotzdem Rang drei. Fortan kursierten die Hochrechnungen, was wäre wenn Frodeno mal ohne Materialprobleme durch einen Ironman kommt.

 

Drei Titel in einem Jahr mit Kinderüberraschung

 

Die Antwort gab´s am 5. Juli 2015 beim Frankfurter Hitze-Ironman. Er gewann mit neuem Strecken- und Radstreckenrekord und elf Minuten Vorsprung vor Titelverteidiger Sebastian Kienle die Ironman-EM. Eine Demontage für die Konkurrenz. Der Sieg, verbunden mit seinem darauf folgenden Ironman 70.3 WM-Titel hievten ihn dadurch in die Position den absoluten Topfavoriten für den Ironman Hawaii-Sieg. Die Konkurrenz um Kienle und Co. glaubte in seiner Laufperformance in Zell am See zwar leichte Schwächen zu erkennen und zog sich daran hoch. Das von vielen für möglich gehaltene Laufduell auf dem Alii Drive und im Energy Lab fiel aus. Die Konkurrenz war es, die zum großen Teil  im Marathon schwächelte. Frodeno blieb ein Duell Mann gegen Mann, wie er es früher auf der Kurzdistanz so liebte, erspart. Er blieb auch in der Leaderposition bis zum Schluss hochkonzentriert - "ich habe erst auf dem Zielteppich entspannt" - und ließ sich auch von der nahezu unerträglichen Hitze nicht aus dem Konzept bringen.  Nach 8:14:40 Stunden war der Ironman Hawaii-Sieg perfekt. Frodo hielt den Fotografen in seiner bekannten Manier das Zielband vor die Objektive und küsste anschließend seiner Frau Emma auf den Bauch - für das Frühjahr 2016 ist Nachwuchs im Hause Frodeno angekündigt. Die im Langdistanztriathlon gewonnene Ruhe und Fähigkeit, auch auf unerwartete Situationen zu reagieren wird dann einmal mehr gefordert sein.

Zur Website von Jan Frodeno ...

Bilderserie: Von der Triathlon-Bundesliga 2004 bis zum Ironman Hawaii-Sieg 2015 ...

ANZEIGE